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ANGST

 

Warum hat man den Tempel La Gendronnière "Schloß der Nicht-Angst" genannt? Hätte man ihm auch einen anderen Namen geben können?

Ja. Man hätte sie auch "Schloß der Angst" nennen können. Denn die erste Unterweisung, die ich von Meister Deshimaru hörte, war, daß er sagte: "Ihr werdet Angst bekommen vor der kosmischen Ordnung." Man hätte also genausogut die Gendronnière "Schloß der Angst vor der kosmischen Ordnung" nennen können. Das wäre auch sehr wirkungsvoll gewesen. Aber zu der Zeit, als Meister Deshimaru die Gendronnière "Schloß der Nicht-Angst" nannte, suchte er als Bodhisattva ein wichtiges Thema, um den Menschen zu helfen. Und er nannte die Gendronnière "Schloß der Nicht-Angst", weil er dachte, daß die Praxis von Zazen den Menschen helfen würde, Vertrauen zu finden.

Angst und Nicht-Angst gehören zusammen. Angst vor der kosmischen Ordnung zu haben, ist eine große Anregung für die Praxis. Das heißt aber nicht, daß man ständig in Angst lebt, z.B. der Angst zu sterben. Diese Angst ist ein Stimulans für Bodaishin. Weil wir wissen, daß wir sterben werden, stellen wir uns die Frage nach dem Sinn des Lebens. Wir haben Angst, die Gelegenheit, als Lebewesen geboren zu sein, zu vergeuden, das Wesentliche zu verfehlen. In der kosmischen Ordnung gibt es Unbeständigkeit und Tod. Alle Wesen, die geboren wurden, müssen sterben. Sich dessen bewußt zu werden, ist eine große Anregung. Ausgehend von dieser Angst hat man den Wunsch, den Weg zu praktizieren. Und der Weg, Zazen bringt uns in Kontakt mit einer Lebensdimension, die jenseits von Leben und Tod ist. Dies ist die essentielle Erfahrung von Zazen. Das hat die Kraft, die Angst aufzulösen, völliges Vertrauen zu geben.

In Wirklichkeit geht man von der Angst zur Nicht-Angst. Ohne Angst wäre Nicht-Angst bedeutungslos. Wenn man sich nicht mit der Angst konfrontiert und sich nicht in der Praxis engagiert, die es erlaubt, über sie hinauszugehen, heißt das, daß man völlig in der Illusion lebt. Die Rolle des Zenmeisters ist es zugleich diese Angst hervorzurufen, um die Leute aus ihren Illusionen aufzuwecken: „Das Leben ist kurz. Verliert nicht eure Zeit.“ und Vertrauen zu vermitteln: „Ihr selbst habt Kraft, eure Probleme zu lösen. Jeder von euch hat die Buddhanatur. Wenn ihr damit in Berührung tretet, könnt ihr die Angst lösen.“ Das ist etwas anderes, als die Nicht-Angst aus Unwissenheit, aus der Vorstellung, daß es keine Gefahren gibt. Z.B. ist es in der Gegenwart wichtig, daß sich die Menschen der Gefahren, die das Leben auf der Erde bedrohen, bewußt werden. Denn nur, wenn alle Angst bekommen, haben wir die Chance, die Probleme zu lösen. Wenn die Leute keine Angst vor Umweltverschmutzung, Gewalt, Not, Hunger haben, besteht keine Möglichkeit, die Probleme zu lösen. Aber wenn wir uns dessen bewußt werden, haben wir die Möglichkeit, die Welt zu ändern, uns selbst zu ändern. Deswegen müssen wir sowohl mit Angst als auch mit Nicht-Angst manövrieren.

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