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EGO

 

 

Wenn ich richtig verstanden habe, ist grenzenlose Freiheit oder Befreiung nicht möglich, wenn man kein begrenztes Ego hat.

Das ist offensichtlich. Die Befreiung besteht darin, sich von seinem begrenzten Ego zu befreien.

Was gab es, bevor es Leid gab?

Ich weiß nicht, ob es etwas vor dem Leiden gab. Ich kenne diese Zeit nicht.

Was vorher existierte, kann man nicht fassen. Was wir machen können ist, das fallen zu lassen, was Trennungen schafft, Streitigkeiten, Gegensätze, das heißt, eine bestimmte Funktionsweise des Geistes, die nur im Dualismus, im Getrenntsein, im Gegensatz funktioniert. Diese Funktionsweise ist tief in uns verwurzelt, weil wir auf diese Weise funktionieren mussten, um unser Ego zu bilden.

Das muss man verstehen! Wenn wir es nicht geschafft hätten, ein getrenntes Ego aufzubauen, wären wir nicht mal ein Mensch geworden. Wenn wir nicht fähig gewesen wären, uns von unserer Mutter zu trennen, wenn wir uns nicht als Subjekt betrachtet hätten - ich bin ich, du bist du, - wären wir keine normalen Menschen geworden. Normal sein, heißt getrennt sein. Es ist notwendig für das Entstehen, für die Entwicklung des Menschen. Daher wurden große Anstrengungen unternommen - und die Erziehung hat uns dazu ermutigt -, ein Individuum zu werden. Das Problem ist, dass wir danach in dieser Dimension eingeschlossen blieben. Die Dimension des Individuums ist notwendig. Dies wird von niemandem kritisiert, nicht einmal Buddha hat dies kritisiert. Jeder hat seine Persönlichkeit, jeder ist ein Individuum und anders als die anderen. Das ist die geistige Gesundheit, die wir brauchen.

Aber es geht nicht, dass man sich nur mit dieser getrennten Individualität identifiziert und die andere Seite vergisst. Hier das Ego, da Buddha. Zwanzig oder dreißig Jahre lang haben wir daran gearbeitet, diese Seite gut zu entwickeln und zu pflegen. Dabei haben wir die andere Seite völlig vergessen. Daher sind wir aus dem Gleichgewicht, eingeschlossen in der Arbeit, die wir aufgebracht haben, um dieses Ego zu bilden. Dabei haben wir die andere Dimension völlig aus den Augen verloren.

Zazen ist dazu da, unser Leben wieder ins Gleichgewicht zu bringen, um uns von der Anhaftung, der ausschließlichen Identifikation mit diesem Teil, dem Teil des Egos zu befreien. Der vollständige Mensch ist zugleich Ego und Buddha, beides. Das bedeutet, nicht von seinem Ego abzuhängen, sondern fähig zu sein, mit ihm zu funktionieren. Aber das Ego darf uns nicht blenden und uns nicht daran hindern, die Dimension jenseits des Egos zu sehen. Man muss dem Ego wieder seinen Platz zuweisen, einen sehr relativen Platz. Das Ego ist ganz klar eine geistige Konstruktion, was nicht bedeutet, dass man es nicht benötigen würde. Aber es ist nur eine geistige Konstruktion! Wenn du das verstehst, stellst du es wieder an seinen Platz. Dann brauchst du dich nicht aufzuregen, wenn dich jemand kritisiert oder wirst nicht eifersüchtig, wenn du nicht die Liebe von jemand erhältst, der sie jemand anderem gibt. Diese Phänomene sind mit einer exzessiven Anhaftung an unser Ego verbunden, indem wir uns völlig mit unserem Ego identifizieren.

Wenn man versteht, dass dieses Ego nur Teil eines Ganzen ist, so wie eine Welle Teil des Ozeans ist, kann man eine große Befreiung empfinden. Wenn zum Beispiel jemand anderes etwas Glückliches erlebt und nicht ich, dann bin ich, anstatt eifersüchtig oder neidisch zu werden, genauso froh wie der andere, weil ich keinen Unterschied mache. Der gewöhnliche Geist kann das nicht, weil er nur eine Seite sieht. Zazen ist dazu da, um uns zu einem weiten Geist zu öffnen, der beides, Ego und Buddha umfasst. Buddha erscheint, wenn das Ego aufgegeben wird. Aber wenn es kein Ego gibt, gibt es keinen Buddha.

Ich glaube, dass unsere Gesellschaft nur so funktionieren kann, wie sie jetzt funktioniert, weil es dieses Ego gibt, das wir alle haben. Wenn wir dieses Ego so leben würden, wie du es gerade beschrieben hast, wäre es eine wirkliche Revolution. Was sagst du dazu? Was du sagst, ist nicht sehr gesellschaftskonform.

Das stimmt. Es ist nicht nur nicht gesellschaftskonform, sondern entspricht nicht dem normalen Menschen. Nicht nur jetzt, bereits zur Zeit Buddhas war es nicht konform. Als Buddha das Erwachen realisierte, dachte er, dass das, was er verwirklicht hatte, derart außergewöhnlich war, dass es nicht mal einen Versuch wert wäre, es die anderen zu lehren. Niemand würde es verstehen. Er begriff, dass sein Erwachen gegen den Strom ging und einen Gegensatz zu den menschlichen Wünschen darstellte. Er wusste nicht weiter. Was sollte er tun? Während er weiter meditierte, sagte ihm der indische Gott Indra: „Das darfst du nicht glauben. Es gibt Menschen, die bereit sind, deine Unterweisung zu empfangen. Bitte lehre das Dharma!“ Dafür hat er sich dann entschieden. Aber zuerst war er sehr skeptisch, aus dem gleichen Grund wie du.

Ich glaube, dass dieser Gesichtspunkt zu pessimistisch ist. Eher denke ich wie Indra: Überall auf der Welt gibt es Wesen, die, obwohl sie in der Illusion sind, nach etwas anderem streben, gerade weil sie unter ihren Illusionen leiden. Manchmal ist jemand erst dann bereit, den Geist zu ändern, wenn er sich am weitesten vom Erwachen entfernt befindet und sein Unwohlsein sehr groß ist. Weil es für ihn dann nicht mehr möglich ist, so weiterzumachen. Es kann vorkommen, dass es, gerade wenn die Gesellschaft in eine Krise, in eine Sackgasse gerät, zu einer spirituellen Revolution kommt. Ich denke, dass wir uns ein wenig in so einer Zeit befinden. Deswegen haben momentan Buddhismus und Zazen einen derartigen Erfolg. Wir sind in einer Sackgasse, in einer dem Buddhismus entgegen gesetzten Situation, daher leiden die Menschen moralisch sehr. Sie spüren gut, dass etwas nicht stimmt, empfinden ein tiefes Unbehagen. Man muss sicherlich die Sichtweise des Geistes ändern.

Ich glaube, dass man darin Vertrauen haben kann. Die Menschen machen Fehler, aber im Grunde streben alle nach der Wahrheit. Sie streben danach, in Harmonie mit der Wahrheit und der Wirklichkeit zu leben. Man muss auf jeden Fall in dem Vertrauen darauf handeln, sonst bleiben wir in uns eingeschlossen und machen Zazen alleine, gehen nicht auf Sesshins und nicht ins Dojo.

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Ich hab eine Frage zum Ego. Wenn ich es richtig verstehe, wird das Ego als ein Phänomen gesehen, das aus den fünf Skandhas erzeugt wird. Es gibt es auch ein Phänomen, das dem Ego Intelligenz gibt. Damit kann man gut arbeiten. Dann ist da doch nichts falsch an dem Ego.

Wenn man in einer negativen Weise über das Ego spricht, meint man eigentlich die Anhaftung an das Ego, die nicht sieht, dass das Ego ein wechselseitigabhängiges Ego ist. Wenn das Ego übersieht, dass es in Wechselbeziehung zu allem, was existiert, steht, wird es dazu neigen, auf egoistische Weise zu handeln und Leiden zu schaffen. Wenn das Ego ignoriert, dass es unbeständig ist, es sich also weigert, den Wechsel zu akzeptieren, den Verlust, die Umwandlung, dann wird es unablässig leiden, denn es akzeptiert nicht seine Wirklichkeit. In diesem Fall ist das Ego eine Ursache für eigenes Leid. Das heißt man klammert sich an etwas und täuscht sich über die Natur dessen, an das man sich klammert. Man ist also ständig in Widerspruch mit den Phänomenen und leidet unablässig.

Aber das bedeutet nicht, dass das Ego grundsächlich schlecht ist. Jeder muss eine Persönlichkeit haben, ein Selbstbewusstsein, das die Synthese unserer Geschichte, unserer Motivationen herstellt, um auf koordinierte Weise handeln zu können, die Sinn macht. Das Ego ist es auch, das nicht zu leiden wünscht und den Weg, das Erwachen, die Befreiung sucht.

Am Ursprung des Geistes des Erwachens ist nicht nur die Buddhanatur, sondern auch das Ego das seine eigene Illusion wahrnimmt und sich mit der Buddhanatur vereinigen möchte. Das Ego, das seine eigenen Täuschungen versteht, bringt uns auf den Weg, da es die Wahrnehmung seiner eigenen Täuschungen hat.

Buddha hat nie negiert, dass es ein relatives Ego gibt. Er hat ein substanzielles Ego in Form des Atman negiert, ein Ego mit einer festen, autonomen Substanz.

Das vierte der fünf Skandhas ist Samskara. Dessen Funktion ist es u.a., sich eine Idee über sich selbst zu machen. Wenn diese Konzeption sich der Leerheit bewusst ist, der Tatsache Rechnung trägt, dass die Phänomene existieren, aber leer sind, kann das Ego auf harmonische Weise funktionieren. Aber meistens funktioniert es nicht auf harmonische Weise, weil es sich Täuschungen hingibt, weil es die Idee, die es von sich selbst macht, für etwas Wirkliches und Substanzielles hält, das aus sich selbst heraus existiert. Also übersieht es das Wesentliche, dass es nur in Wechselbeziehungen zu anderen existiert.

Die einzig richtige Lebensweise ist, die Unbeständigkeit zu akzeptieren, also eine gewisse Loslösung bezüglich der eigenen Wünsche zu haben und vor allen Dingen solidarisch mit den anderen zu sein. Denn unser Leben ist nichts anderes als Beziehung. Dann handelt es sich um ein erwachtes Ego.



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