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LEIDENSCHAFTEN
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Muss man die Leidenschaften,
die Bonnos, nicht auch leben? Es ist ja z.B. sehr einfach, wenn man das
Bonno „Schokolade“ hat, das zu leben, wenn man nicht in der
Nähe von einer Konditorei ist. Aber ist es nicht notwendig, sich
genau in die Nähe der Bonnos zu begeben? Manchmal ist es auch so,
dass die Bonnos und die Bonnos zu leben, sehr nah beieinander ist. Ich
sehe kurz, dass das Bonno da ist, und im gleichen Augenblick lebe ich
es schon. Oder ein anderes Beispiel: Wenn ich einen hübschen Mann
sehe, dann entscheide ich mich, ihn nicht anzuschauen. Aber schaue ich
ihn doch an, dann bin ich schon in das Bonno hineingefallen. Es geht ein
bisschen um die Problematik.
Die Bonnos abzuschneiden oder sie zu lösen, wie es im Bodhisattva-Gelübde heißt, heißt nicht sie zu unterdrücken, sondern sie ungefährlich zu machen. Das heißt, selbst wenn das Bonno anwesend ist, ihm nicht zu folgen. Das ist der wichtige Punkt. Es ist z.B. schwierig, seine Gedanken zu kontrollieren. Während Zazen kommen alle möglichen Gedanken hoch. Es wäre gefährlich, sie unterdrücken zu wollen, denn dann würden sie unbewusste Gedanken bleiben, die einen aber dennoch unbewusst aufregen würden. In Zazen urteilt der Geist nicht. Es gibt keinen Moralismus im Zazen. Also akzeptiert man es, das zu sehen, was ist. Aber weil man in Zazen sitzt, kann man nichts machen. Also muss man es automatisch vorüber ziehen lassen. Und man entwickelt die Fähigkeit, mit Wünschen und Gedanken konfrontiert zu sein und sie klar zu sehen, aber daraus, dass man sie sieht folgt nicht, dass man ihnen folgen muss. Aber im Dojo ist es natürlich auch so, dass uns die Regel schützt, denn die Regel sagt, nicht aufstehen. Wenn du also in Zazen neben einem hübschen Mann sitzt, kannst du nicht aufstehen und dich auf seine Knie setzen. Das ist normalerweise nicht erlaubt. Aber wenn du in einer Bar bist, kannst du es machen. Also ist es im Alltag schwieriger, die Bonnos zu kontrollieren. Dann stellt sich genau die Frage, die du stellst: Muss man es vermeiden, sich ihnen zu nähern? Das ist die Verhaltensweise der Theravada-Mönche und es war auch die Empfehlung Buddhas an die Mönche. Wenn ein Mönch eine hübsche Frau sieht, dann läuft er schnell Gefahr, Wünsche zu haben und das wird dann ein Problem für seine Praxis. Er soll ja keusch bleiben. Buddha empfahl daher, den Blick abzuwenden. Das ist eine sehr wirkungsvolle Technik. Das kann jeder selbst erfahren. Für Schokolade gilt das Gleiche. Wenn du das Bonno 'Schokolade’ hast, ist es besser, in deinen Schubladen keine Schokolade zu haben. Das hängt von jeder einzelnen ab. In manchen Situationen ist es weise, das Objekt, den Kontakt mit dem Objekt zu vermeiden. Das macht es überflüssig, anschließend zuviel Energie aufwenden zu müssen, um zu widerstehen. Aber das ist keine sehr tiefe Herangehensweise. Denn es heißt, dass man das Problem nicht in der Tiefe gelöst hat. Dafür ist es besser, sich mit dem Objekt der Begierde zu konfrontieren. Dann gibt es natürlich unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten. Wenn man z.B. starke sexuelle Wünsche hat, ist es besser einen Partner, eine Partnerin zu haben und seine Sexualität normal zu leben, ohne gezwungen zu sein, immer den Blick von attraktiven Menschen abzuwenden. Denn sonst kann das Bonno noch viel stärker werden, kann sogar eine Art Besessenheit werden. Aber wenn es einem gelingt dieses Bonno vorüberziehen zu lassen, dann ist es besser. Es gibt also nicht eine Antwort. Jede muss ausprobieren, was die richtige Haltung ist. Ein Wunsch ist nicht unbedingt ein Bonno. Ein Wunsch wird zum Bonno, wenn er die Ursache von Leiden ist. Liebe ist z.B. nicht zwingend ein Bonno. Wenn sie ohne Egoismus, ohne Anhaftung ist, in einer großzügigeren Weise, indem man sich um die anderen kümmert, in einer Haltung des Teilens. Das kann sogar eine Form der Praxis des Weges sein. Die Sublimation des Instinktes hin zu einem großzügigeren Gefühl. Was die Nahrung anbetrifft, so ist es kein Bonno, ein Stück Schokolade zu essen. Das Bonno besteht darin, nicht aufhören zu können zu essen, bis hin zum krank werden. Wenn man so ist - und es gibt Leute, die können nicht aufhören zu essen - muss man sich betrachten und sich überlegen: 'Was fehlt in meinem Leben? Was muss ich kompensieren, indem ich ständig esse?’ Oft ist es ein Mangel an Liebe. Dann ist es völlig nutzlos sich voll zu stopfen, denn das löst den Mangel von Liebe nicht. Seine Bonnos betrachten, heißt also auch sich selbst kennen zu lernen. Meiner Meinung nach sind die Bonnos um so entwickelter, je weniger man zur Realität unseres Lebens wirklich erwacht ist. In diesem Augenblick gibt es eine tiefe Frustration, einen wirklichen Mangel in unserem Leben: Die spirituelle Dimension unseres Lebens ist nicht realisiert. Uns fehlt wirklich etwas. Dann kann man nicht wirklich glücklich sein. Aber wenn man das nicht versteht, denkt man: 'Ich bin nicht glücklich, weil mir eine Partnerin fehlt, weil ich dies und jenes nicht haben kann.’ Dann läuft man hinter allen Arten von Wunschobjekten her, die wirklich Bonnos werden. Denn es werden egoistische Anhaftungen, die an die Stelle einer wirklichen, spirituellen Realisation treten und nie den Mangel ausfüllen können. So wie Schokolade essen zu keinem Zeitpunkt den Mangel an Liebe ausgleichen kann. Ich glaube, dass man, wenn man seine Bonnos wirklich betrachtet, erwachen kann. Wenn man sich dann nämlich fragt: 'Was ist das tiefe Bedürfnis in meinem Leben, das ich nicht befriedigen kann? Weshalb lauf ich allen möglichen anderen Bedürfnissen und Wünschen hinterher?’ Buddha hat sich genau diese Frage gestellt. Er hat realisiert,
dass es sein einzig wirkliches Bedürfnis in seinem Leben war, zu
erwachen, den tiefen Sinn des Lebens zu verstehen. Das hat er gemacht. |
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