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MUSHOTOKU

 

 

Du hattest davon gesprochen, dass unser Ego eine große Rolle spielt, wenn wir anfangen zu praktizieren, dass wir häufig mit unserer Übung irgendwelche Sachen bezwecken und dass dann irgendwann ein Punkt kommt, wo wir nicht mehr so weitermachen können wie bisher, sondern einfach diese Konstrukte wegfallen lassen und Zazen folgen. Ich möchte wissen, ist das ein Weg oder gibt es einen bestimmten Punkt? Wie hast du es bei dir persönlich erlebt? Wie kann ich es schaffen, mushotoku zu werden?

Indem du feststellst, dass du es nicht anders machen kannst. Wenn du nicht mushotoku sein willst und fortfährst, mit viel Anstrengung und Willenskraft zu praktizieren, um ein Ziel zu erreichen, egal welches auch immer, wirst du sehen, dass du dieses Ziel nicht erreichst und dich nur erschöpfst. Es führt dich letztlich zum Gegenteil von dem, was du in der Tiefe suchst, indem du dem Weg folgst.

Selbst wenn ich sage, dass man seine Haltung ändern soll und aufhören soll, ein Ziel zu verfolgen, meine ich, dass man diese Veränderung nur vollziehen kann, wenn man erst in die andere Richtung gegangen ist und festgestellt hat, dass es da nicht weitergeht. Jeder muss durch sich selbst verstehen. Erst wenn man die Erfahrung gemacht hat, dass die willentliche Praxis, die Praxis der Anstrengung, die Praxis mit einem Ziel nicht funktioniert, kann man in einem bestimmten Moment loslassen.

Du brauchst mir nicht zu glauben. Ich sage nur, wahrscheinlich wird es so geschehen. Ich glaube, dass jeder diese Erfahrung machen muss. Letztlich ist es das Leben, die Praxis selbst, die uns zu verstehen gibt, dass man gar nicht anders sein kann als mushotoku. Egal, welche Energie man aufbringt, um in eine andere Richtung zu gehen: Es wird zu nichts führen, außer zur Ermüdung. Ob man es will oder nicht, am Ende kann man nicht anders als mushotoku sein. Das Risiko ist allerdings, dass man vorher mit der Praxis aufhört. Daher spreche ich das an, um zu vermeiden, dass Leute, wenn sie mal in einer Sackgasse angelangt sind, nicht denken, Zen sei nichts für sie und damit aufhören.

Du fragst, wie es bei mir passiert ist. Bei mir ist es nicht so gewesen. Ich rede eher allgemein darüber. Bei mir war es so, dass ich intensiv einen Sinn im Leben suchte, bevor ich mit Zazen anfing. Es war ein richtiges Koan für mich, wie eine Besessenheit. Ich habe mich sehr angestrengt, ich habe meine Willenskraft, mein Bewusstsein, meine ganze Anstrengung in diese Richtung benutzt.

Als ich das erste Mal Zazen machte, habe ich sehr schnell verstanden, ganz plötzlich, dass all das gar nicht notwendig war, dass all meine Bemühungen nicht notwendig waren und es überhaupt nicht eines Sinnes bedarf, um zu leben, keines Sinns des Lebens. Das Ziel, das ich damals verfolgte, erschien mir auf einmal völlig sinnlos. Man könnte sagen, dass ich von der Dimension des Nicht-Objekts des Zazen getroffen war. Einfach in Zazen zu sitzen reichend. Man braucht nichts anderes. Das hat mich sofort beeindruckt.

Ich kann nicht sagen, dass ich mit einem Ziel praktiziert habe. Ich wusste nicht einmal, was Zazen war, als ich mich zum ersten Mal hingesetzt habe. Ich hatte den Weg nicht studiert, keine Bücher über Buddhismus gelesen. Als ich mich in Zazen setzte, erwartete ich nichts Bestimmtes, denn ich wusste nicht einmal, was ich gerade machte. Man hatte mir einfach gesagt: „Du setzt Dich hin, konzentrierst Dich auf die Haltung und die Atmung und lässt Deine Gedanken vorüberziehen.“ Meine Einführung in Zazen hat 15 oder 20 Sekunden gedauert. Ich hatte überhaupt keine Zeit, Ziele aufzubauen, Vorstellungen über Satori, darüber, was man durch Zazen erlangen müsste. Ich hatte keinerlei Idee. Man hat mich direkt in die Praxis geworfen.

Jetzt, wo ich darüber spreche, denke ich, dass das wahrscheinlich die beste Methode gewesen ist. Heutzutage gibt man sich viel Mühe, hält Vorträge und erzählt, wozu Zen gut ist. Die Leute, die dann ins Dojo kommen, haben jede Menge Vorstellungen über Zen, von denen sie glauben, dass sie Wirklichkeit werden. Statt ihnen zu helfen, hat man eher Hindernisse geschaffen. Das Problem ist, dass man nicht alle Bibliotheken schließen kann. Alle Informationen sind heutzutage verfügbar. Die wenigsten Menschen finden sich - wie ich - auf einmal in einem japanischen Tempel wieder und sitzen in Zazen, ohne zu wissen, was sie da machen. Es ist selten, die Erfahrung von Zazen machen zu können, ohne einen Gedanken im Hinterkopf zu haben, ohne ein Ziel.

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Mushotoku auf dem Kissen finde ich sehr einfach. Aber in der Küche und im normalen Leben fällt es mir schwer. Ich habe einen Termin, etwas muss fertig werden. Ich habe Kinder, ich habe Kollegen, ich habe Erwartungen.

Bist du es, der etwas von seinen Kollegen erwartet, oder erwarten sie etwas von dir?

Ich. Deshalb finde ich es sehr schwer im Alltag, die Mushotoku -Haltung zu praktizieren.

Sei so weit wie möglich mushotoku. Hundertprozent ist nicht möglich. Es ist ein Irrtum zu glauben, man sei nicht mushotoku, wenn man ein Ziel hat. Der eigentliche Kern deiner Frage ist, dass man im täglichen Leben handelt und dass man, wenn man handelt, ein Ziel hat. Hat man kein Ziel, braucht man nicht handeln, dann macht man nichts. Wenn man etwas macht, zum Beispiel in der Küche arbeiten, hat man das Ziel, für sich selbst oder für andere eine Mahlzeit zuzubereiten. So gibt es gezwungener-maßen ein Ziel in der Handlung. Auch wenn man ohne Ziel handeln möchte, hat man ein Ziel, nämlich ohne Ziel zu sein.

Handlungen weisen immer in eine Richtung und haben ein Ziel. Das ist normal. Sie sind nicht das Gegenteil von mushotoku. Wichtig ist nur, dass die Ausrichtung der Handlung nicht egoistisch ist, sie darf nicht nur unserem eigenen Ego folgen. Sonst könnte man auch denken, dass das Praktizieren der vier Gelübde der Bodhisattvas nicht Mushotoku sei. Man könnte dann sagen, Bodhisattvas seien nicht mushotoku, weil sie alle Bonnos auflösen, das Erwachen verwirklichen und alle Dharmas verstehen wollen. Dennoch sind Bodhisattvas mushotoku, sonst wären sie keine Bodhisattvas. Sie handeln aus Mitgefühl mit allen Wesen.

Wenn du Tenzo oder Küchenassistent bist, hast du das Ziel, die Mahlzeit zu einem festgelegten Zeitpunkt zubereitet zu haben. Das ist mushotoku. Die Mahlzeiten für andere zuzubereiten, ist mushotoku. Das ist normal, das ist deine Aufgabe.

Wenn du dich aber an dein Aufgabe klammerst und der beste Tenzo sein willst, wenn du dir besondere Zubereitungen ausdenkst, damit dir alle sagen: „Du bist der beste Tenzo! Bei dir schmeckt es am besten!“, dann ist das nicht mushotoku, weil du einen Gewinn für dich erwartest. Du erwartest etwas für dein Ego. Mushotoku ist, wenn du handelst, um allen Wesen zu helfen. Auch wenn du denkst: „Ich werde jetzt allen Wesen helfen, um viele Verdienste zu erwerben und um das Nirvana zu erreichen“, handelt es sich nicht um Mushotoku. Zazen machen, um ein persönliches Erwachen zu erlangen, ist ebenfalls nicht mushotoku. Buddha wollte das Erwachen erlangen, aber nicht nur für sich selbst, sondern um die ganze Menschheit zu retten, um sie vom Leiden zu erlösen. Das ist mushotoku.

Aber selbst wenn man ein selbstloses, großzügiges Ziel hat, muss man in dem Moment, in dem man handelt, dieses Ziel vergessen. Denn letztlich stört es die Handlung. In dem Moment, in dem man handelt, darf man sich nur auf die Handlung konzentrieren. Wenn man Essen kocht, kocht man nur. Natürlich muss man die Uhr im Auge behalten, damit das Essen nicht zu spät fertig wird, aber man darf der Handlung keine Gedanken hinzufügen. Es ist besser, einfach eins mit der Handlung zu sein.

Und gegebenenfalls das Ziel ändern?

Wenn man erkennt, dass die Handlung einen egoistischen Zweck hat oder wir Anerkennung oder Verdienste erwarten, ist es besser, die Handlung aufzugeben. Oder den Geist zu ändern und mit der Handlung weiterzumachen. Das ist eine innere Reue, ein Fallenlassen.

Aufgeben, fallenlassen, mushotoku sein, ist schwierig. Es gibt sogar Menschen, die sagen, es sei absolut unmöglich. Es ist schwer, mushotoku zu sein, weil es gegen unsere selbstsüchtigen Konditionierungen geht. Man sagt sich: „Es lohnt sich gar nicht, mushotoku zu sein, das schaffe ich nie!“ und verfolgt weiter seine egoistischen Ziele. Aber wenn ihr gut beobachtet, was in eurem Leben geschieht, werdet ihr erkennen, dass das Leben letztlich noch viel schwieriger wird, wenn man nicht mushotoku ist.

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