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PRAXIS

 

Wie kann man die Glut des Anfangs bewahren?

Zu Beginn der Zazen-Praxis praktiziert man für sich selbst. Man freut sich, die Praxis entdeckt zu haben, die Praxis tut einem gut. Das ist unsere prinzipielle Motivation. Wenn man diese Motivation beibehält, wird die Praxis auf Dauer etwas Begrenztes. Es ist wichtig, so schnell wie möglich die Bodhisattva-Dimension zu entdecken und die Praxis jenseits dessen zu praktizieren, was sie einem bringt. Das heißt, in der Freude zu praktizieren, die Praxis mit anderen zu teilen. Das wird die tiefe, ewige, unendliche Motivation

Besteht ein Zusammenhang zwischen der Länge der Zeit, die man Zazen praktiziert und der Tiefe mit der man - was auch immer - verwirklicht? Wenn man sich andere Zen-Schulen anschaut, so gibt es da welche, die machen zehn, zwölf Stunden Zazen am Tag.

Die Verwirklichung hängt von der Qualität des Sitzens ab, nicht von der Dauer. In manchen Traditionen sitzt man dreizehn oder vierzehn Stunden, aber die Leute sind nicht in der Haltung konzentriert, sie sitzen wie sie wollen, und es fehlt an der notwendigen Qualität der Wachsamkeit, damit die Zazenpraxis wirklich befreiend wirken und es zu einem Erwachen kommen kann. So zu sitzen führt nur zu Ermüdung. Buddha hat nie diese Art von Praxis empfohlen, sondern immer den mittleren Weg.

Wenn man praktiziert, bedarf es meiner Meinung nach jedoch einer Mindestdauer, damit die geistige Aufgeregtheit sich beruhigen kann. Es ist aber nicht erforderlich, die Dauer exzessiv zu verlängern. Weder für ältere Schüler, noch für Anfänger.

Aber es ist wichtig, oft zu praktizieren. Wenn möglich täglich und wenn möglich, morgens und abends, so daß das Zazen unseren ganzen Alltag durchdringen kann und daß es einen Kreis gibt, von Zazen zu den Phänomenen des Alltags und wieder zu Zazen und wieder zu den Phänomenen des Alltags, so daß Zazen nichts Außergewöhnliches ist, das man nur einmal in der Woche macht der während eines Sesshins.

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In welchem Verhältnis steht Quantität und Qualität der Zen-Praxis zur Quantität und Qualität aller anderen Dinge oder Tätigkeiten im täglichen Leben?

Eine Mindestquantität an Praxis ist notwendig, damit die Praxis Qualität hat. Das heißt zum Beispiel, wenn du beschließt, jeden Tag Zazen zu machen, aber jeweils nur fünf oder zehn Minuten praktizierst, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Qualität dieser Praxis nicht sehr hoch ist. Einfach weil man dem Geist in fünf oder zehn Minuten nicht genug Zeit gibt, sich zu beruhigen und zu klären.

Zu Beginn des Zazen hat der Geist unweigerlich noch Spuren des täglichen Lebens, genauso wie die Oberfläche eines Sees unruhig ist, wenn der Wind geweht hat. Aus diesem Grund muss eine Zazen-Periode eine gewisse Dauer haben, damit die Aufgeregtheit sich legen kann. Im Durchschnitt dauert eine Sitzung zwischen dreißig und vierzig Minuten, nicht weniger als dreißig Minuten.

Bei einem Sesshin häufen sich die Anzahl der Zazen-Perioden auf vier pro Tag, was ich für eine gute Quantität halte, weil sich dabei Zazen und das tägliche Leben vermengen. Morgens gibt es eineinhalb Stunden lang Zazen, die folgenden eineinhalb bis zwei Stunden sind dem Essen, dem Samu und den Unterweisungen im Dojo gewidmet, danach folgt wieder Zazen. Das Gleiche spielt sich nachmittags ab.

Dabei verwirklicht sich ganz natürlich eine Einheit zwischen Zazen und dem täglichen Leben. Man lernt, nach dem Zazen weiter mit dem gleichen konzentrierten, beobachtenden und klaren Geist zu leben. Dieser könnte verloren gehen, wenn zuviel Zeit zwischen den Zazen-Perioden liegt. Es ist wichtig, einen guten Rhythmus zu finden.

Selbst wenn ihr nicht ständig wie auf einem Sesshin praktizieren könnt, ist es wichtig, dass ihr einen regelmäßigen Rhythmus in der Praxis findet. Buddha Shakyamuni meinte zum Beispiel, dass alle Mönche mindestens zweimal täglich Zazen und Kinhin praktizieren müssten, einmal morgens nach dem Aufstehen und einmal abends vor dem Schlafengehen. Das war die Mindestpraxis für einen Mönch. Ich halte diesen Vorschlag für sinnvoll. Buddha sagte nicht, dass man den ganzen Tag über Zazen machen muss, sondern jeden Morgen und jeden Abend, so dass der Tag von Zazen eingerahmt wird. Ich halte dies für eine richtige Praxis, eine harmonische Praxis, bei der Zazen und das tägliche Leben sich vermengen und harmonisieren.

Manchmal gibt es in Tempeln zu bestimmten Zeiten viel intensivere Praxisperioden, besonders die, die man Rohatsu-Sesshin nennt und die vom ersten bis achten Dezember stattfinden. Das ist ein äußerst schwieriges Sesshin, bei dem ungefähr fünfzehn Stunden lang am Tag Zazen praktiziert wird. Da ist die Zazen-Quantität beachtlich. Die Menschen, die daran teilnehmen, hoffen, dass sich durch diese Quantität die Qualität ihres Zazen vertiefen würde. Vielleicht stimmt es, aber ich finde, dass dies zwanghaft ist und große willentliche Anstrengung erfordert, um trotz allem durchhalten zu können. Man neigt dazu, mit sich selber in einen Wettkampf zu treten. Aber um für sich dazu eine Antwort zu finden, muss man die Erfahrung selbst machen.

Was man vermeiden muss, ist, eine Art gierigen Geist gegenüber der Praxis zu entwickeln. Gerade wenn die Praxis hier und jetzt keine ausreichend gute Qualität erreicht, wenn man in Zazen nicht schnell konzentriert ist, ist man nicht in der Lage, seine Gedanken rasch fallen zu lassen. Folglich ist man mit der Praxis nicht zufrieden und sagt sich: „Wenn ich nur länger praktizieren könnte, wäre mein Zazen bestimmt besser. Es wäre von höherer Qualität.“ Dann will man immer mehr und mehr.

Ich glaube nicht, dass es in Zazen um eine Frage der Quantität geht. Man kann am Tag fünfzehn Stunden praktizieren und sich dabei ständig mit seinen Gedanken beschäftigen, mit dem Wunsch, die Erleuchtung zu erlangen, und Ähnlichem.

Loslassen geschieht im Augenblick. Es ist nichts, was sich am Ende von mehreren Stunden der Praxis ereignet. Das ist die wahre Qualität der Praxis.

Dafür ist eine minimale Quantität nötig, wie ich es zu Anfang gesagt habe, aber man muss nicht unbedingt ständig die Anzahl der Zazen-Perioden erhöhen wollen. Man muss ein Gleichgewicht finden zwischen der Quantität und der Qualität.

Aber ein Punkt erscheint mir noch als sehr wichtig: Das Hishiryo-Bewusstsein ist das Bewusstsein jenseits des Geistes, der misst. Shiryo ist der Geist, der misst, der berechnet, der vergleicht: ‚viel oder nicht viel’, ‚lang oder kurz’. Es ist der berechnende Geist. Hishiryo ist jenseits dieses berechnenden Geistes, jenseits von zu langen oder zu kurzen, von wenigen oder vielen Zazens, jenseits dieser Zeitbegriffe. Es geht um die Frage der Qualität des Bewusstseins in jedem Augenblick.

 


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