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SELBST
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Wenn Leiden eine Krankheit ist und nicht der Normalzustand des Menschen, warum leidet man dann bei der Suche nach sich selbst? Ist das bei dir so? Ja, aber nicht nur bei mir. Wenn du bei der Suche nach dir selbst leidest, liegt dem ein Irrtum zugrunde. Der Irrtum besteht darin, daß du glaubst, daß du etwas ergreifen kannst, das du selbst bist, während du immer du selbst bist. Es ist verrückt zu leiden, um sich selbst zu finden. In keinem Augenblick kannst du jemand anders als du selbst sein. Selbst wenn du leidest und die Frage stellst, bist du ganz genau du selbst. Du kannst nicht dir selbst entkommen. Du bist immer genau du selbst, aber offenkundig immer wieder anders. Du kannst nicht irgend etwas ergreifen, es festhalten und sagen: "Das bin wirklich ich." Die einzige Antwort auf deine Frage ist also, daß du zu glauben aufgibst, eines Tages etwas ergreifen zu können, das wirklich du bist. Das ist der Sinn unserer Praxis. Sich selbst kennenzulernen bedeutet zu lernen, sich selbst aufzugeben und sich selbst zu vergessen. Abstand zu nehmen von der Idee, dass man etwas ergreifen kann, dass man man selbst ist. Denn unser wahres Selbst ist nicht faßbar. In wechselseitiger Abhängigkeit mit dem Kosmos ist es völlig unbegrenzt, etwas das man nicht ergreifen kann, etwas das keine Grenzen hat, in denen man es ergreifen und festhalten kann. Die wahre Natur ist keine Natur, nichts Festgelegtes. Daher kannst du nur leiden, wenn du dieses Ich mit solcher Energie suchst. Viele Leute, die in einer spirituellen Praxis engagiert sind, machen das, und manchmal werden sie sogar darin bestärkt. Das kann eine gute Technik sein: Das Koan Nr. 1 ist: Wer bist du? - Du kannst Monate und Jahre darauf verwenden, eine Antwort zu finden. Aber wenn du wirklich auf den Grund der Frage gehst, wirst du loslassen, dann, wenn du dir bewußt bist, daß du das am Ende nicht ergreifen kannst. In dem Augenblick, in dem man sich wirklich losläßt, gibt man zugleich die Wurzel des Leidens auf. Wenn du aufhörst, dich mit deinem Ich zu identifizieren, gibt es vielleicht noch Leid, aber kein Ego mehr, das leidet. Dann ist das Leid viel leichter. Es ist nicht mehr tiefes Leid. Aber es kann auch ein neue Form des Leids auftreten, das Leid, das durch Mitgefühl entsteht, durch Empathie mit den leidenden Wesen. Das ist das Paradoxe auf unserem Weg: Man praktiziert und befreit sich immer mehr von den inneren Ursachen seines Leids, aber man wird aufnahmefähiger für das der anderen. Man ist nicht mehr so in seinem Ich eingeschlossen, man hat mehr Mitgefühl mit den anderen, man hat nicht mehr die Tendenz zu leiden, weil man glaubt, daß man irgendwie zu kurz gekommen ist, sondern man leidet, weil man das Leid anderer sieht. Dieses Leid, das man mitempfindet, wandelt man in eine Energie um, die dazu beiträgt, den anderen zu helfen. Negatives Leid ist unnütz, es muß ein Stimulans werden.
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