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TOD

 

 

Wir haben über das Shobogenzo Shoji von Meister Dogen gesprochen. Er warnt uns davor, in die Falle von Leben und Tod zu gehen. Wir dachten, nicht in den Dualismus zu fallen bedeutet, Leben und Tod nicht einander gegenüber zu stellen, sondern vielmehr, Leben und Tod als etwas zu betrachten, das ein Ganzes bildet.

Das ist richtig. Leben impliziert Tod. Das Kanji Sho von Shoji bedeutet zugleich Leben, aber auch Geburt. Geboren zu werden hat als automatische Konsequenz, dass man eines Tages sterben muss. Alle Wesen, die eine Geburt haben, haben einen Tod. In diesem Sinne ergänzen sich beide, so wie es keinen Tag ohne Nacht gibt, keine Nacht ohne Tag. Wenn man akzeptiert, geboren zu werden - und vom buddhistischen Standpunkt aus gesehen sind wir normalerweise für unsere Geburt verantwortlich -, impliziert das, zu akzeptieren, dass man stirbt, denn man kann nicht nur geboren werden wollen - leben und nicht sterben -, denn beide sind völlig miteinander verbunden.

Der Weg Buddhas bestand in der Suche danach, nicht zu sterben, d.h. nicht geboren zu werden, um das Leiden zu vermeiden. Die einzige Lösung dafür, nicht Unbeständigkeit, Alter und Tod erdulden zu müssen, ist nicht geboren zu werden. Wenn man geboren wird, ist es sicher, dass man altern wird, krank werden und sterben wird.

In seinem Erwachen hat Buddha das verwirklicht, was man später die Nicht-Geburt genannt hat, die Erfahrung der Nicht-Geburt. Diese Erfahrung der Nicht-Geburt ist die Erfahrung der Tatsache, dass es in Wirklichkeit kein Ego gibt, das geboren wird, kein substantielles Ego, auch wenn es Elemente gibt, Aggregatzustände, die sich vereinigen und ein Neugeborenes bilden. Wenn es ein relatives Ego gibt, d.h. man sich mit der Zeit bestimmte Verhaltensweisen aneignet, eine bestimmten Identitätsauffassung entwickelt, so liegt das bereits in der Sprache: Man gewöhnt sich an, ‚ich’, ‚mir’ zu sagen und glaubt schließlich, dass dies einem speziellen Wesen entspricht.

Die Praxis von Zazen bedeutet zu realisieren, dass es im Grunde, in Wirklichkeit, kein Ego gibt, d.h. den Zustand der Nicht-Geburt, der Nicht-Getrenntheit zu realisieren. Diesen Zustand der Nicht-Geburt, den man in Zazen erfahren kann, wenn man sich nicht mit seinen Gedanken identifiziert, mit den Ideen, die man sich über sich selbst macht, nennt Buddha Nirvana.

Das zentrale Thema des Kapitels Shoji des Shobogenzo ist nicht die Dualität von Leben und Tod, es ist die Dualität zwischen Leben und Tod, d.h. dem Samsara, einerseits und dem Nirvana andererseits, der Prozess von Samsara und von Nirvana.

Wir haben uns gefragt, ob die Antwort darauf nicht wäre, dass, wenn man im Leben ist, man ausschließlich im Leben ist, wenn man im Tod ist, man ausschließlich im Tod ist, dass man nichts anderes tun muss, als sich dem Tod zu stellen, ihn zu nehmen, wenn er kommt, ihn akzeptieren.

Ja, das ist die Art, jenseits aller Dualität zu praktizieren, eins mit der Wirklichkeit jeden Augenblicks zu werden. Das Leiden des Samsara liegt darin, dass man auf eine dualistische Funktionsweise des Geistes zentriert ist: Man hat etwas und hat Angst, es zu verlieren. Man hat etwas nicht und will es erhalten. Man lebt, aber man denkt an den Tod, hat Angst zu sterben. Man ist immer in Sorge, etwas zu verlieren, weil man zu stark anhaftet und nicht realisiert hat, dass es im Grunde nichts gibt, das man ergreifen kann, nichts, das man verlieren kann.

Das ist die absolute Wirklichkeit. Man muss gut verstehen, dass es immer zwei Ebenen des Verstehens gibt: Auf der relativen Ebene kann man natürlich etwas verlieren, jeder macht die Erfahrung von Verlust. Aber auf einer absolute Ebene gibt es keinen wirklichen Besitz, also ist auch kein Verlust möglich.

Die Unterweisung Dogens in Bezug auf den Verlust des Lebens, die wichtigste Sorge des Menschen - und das war bereits die Unterweisung Buddhas -, ist, nicht so sehr an den Tod zu denken, sondern sich vielmehr, indem man sich bewusst wird, dass man sterblich ist, auf das Leben in jedem Augenblick zu konzentrieren, jeden Augenblick des Lebens absolut zu machen.

Sich ab und zu daran zu erinnern, dass man sterblich ist, dass man sterben wird, ist stimulierend. Das ist ein bisschen wie der Kyosaku im Zazen. Das bedeutet, sich nicht zu sehr an das zu klammern, was unbeständig ist, sondern im Gegenteil das zu praktizieren, was wichtig ist, d.h. ganz jeden Augenblick in einer vollkommenen Einheit zu leben, ohne an davor, an danach, an woanders zu denken.

Aber ist das nicht eine Dualität?

Nein. Aber wenn man es erklärt, wird alles dualistisch durch die Erklärungen, zwangsläufig, weil man Worte benutzt. In der Praxis ist es kein Dualismus, es ist eine Erfahrung. Alle Zen-Meister - und Dogen ganz besonders - stellen nicht so sehr Theorien auf, sie laden dazu ein, Erfahrungen zu machen. Dogens Unterweisung ist sehr einfach: „Wenn ihr lebt, lebt vollständig. Wenn der Moment des Sterbens kommt, sterbt.“ Punkt.

In der Erfahrung gibt es keine Dualität. Aber wenn man anfängt darüber nachzudenken, wie du es machst, ist das Denken zwangsläufig dualistisch. Deshalb ist die Befreiung ausgehend vom Mentalen nicht möglich. Erklärungen zeigen lediglich eine Richtung für die Praxis.

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In der heutigen Welt gibt es Phänomene, die nicht von der Leerheit getrennt sind. In der Welt der Toten gibt es auch zahlreiche Phänomene. Ab und zu fühle ich ...

Davon weiß ich nichts. Man muss einen Toten fragen.

Im Zen sagt man immer, dass man das Leben und den Tod studiert, aber man redet sehr wenig vom Tod.

Wir studieren hier und jetzt Leben und Tod. Wir studieren nicht die Phänomene nach dem Tod. Wir studieren die Phänomene in ihrem Zusammenhang mit der Leerheit in jedem Augenblick, hier und jetzt. Dies ist die beste Vorbereitung, um mit dieser Praxis jenseits des Übergangs zum Tod fortzufahren.

Ja, genau! Die Erfahrungen, die wir genau hier machen, gelegentlich in Berührung mit dem Tod zu sein, Tote, die uns weiterhin begleiten oder uns unterweisen, gibt mir nicht den Eindruck eines Verlöschens. Der Tod scheint kein Verlöschen zu sein.

In der Tat, man sagt nicht, dass der Tod ein Verlöschen ist.

Was sagt man dann?

Der Tod ist ein Übergang, so wie jeder Augenblick ein Übergang ist. Aber wie lautet deine Frage? Was beschäftigt dich?

Ich hatte den Eindruck, vom Standpunkt des Zen aus gesehen eine falsche Vorstellung vom Tod zu haben, als Verlöschen, Leerheit.

Weder im Zen noch in einer anderen buddhistischen Schule sagt man, dass der Tod ein Verlöschen ist. In der Unterweisung Buddhas spricht man vom Auslöschen der Begierden und Illusionen, von der Auslöschung der drei Gifte, Unwissenheit, Begierde und Hass. Dieses Auslöschen nennt man Nirvana, Befreiung, Geistesfrieden hier und jetzt. Dies bedeutet nicht die Vernichtung des Lebensprozesses. Buddha war immer gegen die nihilistische These, dass es nach dem Tod nichts mehr gäbe, dass die Existenz vernichtet wäre. Der Prozess der wechselseitigen Abhängigkeit geht weiter, aber immer in der gleichen Beziehung zwischen Phänomenen und Leerheit. Denn diese sind nie getrennt. Was hier in dieser Welt wahr ist, ist in allen Welten wahr, ist das Eigentliche der Existenz. Dass man existiert bedeutet, in Beziehung, in Wechselbeziehung zu stehen und daher keine getrennte, keine eigene Existenz zu haben. Genau dies nennt man Leerheit.

Du verwechselst Leerheit mit Nichts. Das Nichts hat in der Leerheit, die von Buddha unterwiesen wurde, keine Bedeutung. Leerheit ist immer Leerheit im Zusammenhang mit etwas. Die Phänomene haben keine Substanz, so wie in einem leeren Raum keine Möbel stehen. Das heißt nicht, dass der Raum nicht existiert, sondern dass er leer ist. Es gibt in ihm keine Möbel. Die Leerheit selbst ist leer. Das heißt, sie existiert nicht aus sich selbst heraus. Die Leerheit existiert im Zusammenhang mit der Abwesenheit von etwas. Dieses abwesende Etwas wird immer angedeutet, wenn man von Leerheit spricht.


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