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Kommentare
zur Abhandlung über das höchste Fahrzeug von Meister Konin
Die hier abgedruckten Kusen wurden von Roland Rech in der Zeit vom 21.-23. November 2003 während des Herbstsesshins in Grube Louise auf französisch gehalten und direkt ins Deutsche übersetzt. Die folgende Druckfassung gibt die mündlichen Unterweisungen
während Zazen vollständig wieder. Die deutsche Übersetzung
wurde anhand der französischen Tonbandaufzeichnungen stellenweise
korrigiert.
Freitag, 21.11.03, 7 Uhr Streckt euren Körper gut zwischen Himmel und Erde. Drückt die Knie in den Boden, indem ihr das Becken gut nach vorne neigt. Das Kinn ist zurückgezogen und man stößt mit der Schädeldecke in den Himmel. Die Schultern und der Bauch sind völlig entspannt. Die linke Hand liegt in der rechten Hand, die Daumen sind waagerecht, die Handkanten berühren den Unterleib. Wenn man diese Haltung einmal eingenommen hat, richtet man die Körperspannung, den Tonus, richtig ein. Der Körper darf weder zu sehr angespannt noch zu sehr entspannt sein. Das Gesicht ist entspannt, die Zungenspitze liegt am oberen Gaumen. Man atmet ruhig durch die Nase. Statt seinen Gedanken zu folgen, ist man achtsam auf seine Atmung. Achtsam zu sein bedeutet, dass man wirklich in Einheit mit seiner Einatmung ist, wenn man einatmet, und in Einheit mit seiner Ausatmung, wenn man ausatmet. Aber es ist nicht nötig, eine besondere Absicht bezüglich der Atmung zu haben. Es wird z.B. unterwiesen, dass richtig zu atmen bedeutet, sich bis zum Ende der Ausatmung zu konzentrieren, die Eingeweide nach unten zu drücken und die gesamte Energie in das Hara unterhalb des Nabels zu legen. Das ist bestimmt eine gute Übung, um seine schlechten Gewohnheiten abzulegen. Aber man sollte nicht zu lange auf diese Weise praktizieren. Denn in Zazen gibt man jede Absicht auf. Es ist nicht erforderlich zu beabsichtigen, eine lange und tiefe Ausatmung zu haben. Man begnügt sich damit, die Atmung zu beobachten, so wie sie ist. Wenn man alle Absichten und jeden Hintergedanken loslässt, wenn man in Einheit mit der Haltung des Körpers und der Atmung ist, vertieft sich die Ausatmung auf ganz natürliche Weise. Das heißt, dass man zu einer natürlichen Atmung zurückkehrt, einer Atmung wie der eines Neugeborenen. In Zazen gibt man alle Sorgen auf. Jeder kommt zum Sesshin mit den Sorgen des Alltags, manchmal mit seinen Schmerzen, seinen Leiden. In Zazen lassen wir all das, was uns beschäftigt, zu Ku zurückkehren, d.h. wir nähren es nicht. Wenn ein Gedanke oder ein Gefühl auftaucht, wird man sich dessen einen Augenblick bewusst und lässt ihn dann vorüber ziehen. Man ergreift nichts. Man fängt auch nicht an, über das nachzudenken, was auftaucht. Alle bewussten Bewegungen des Geistes werden aufgegeben. Das heißt, man nährt sie nicht. Selbst wenn sich ein Gedanke manifestiert, lässt man ihn los, sobald man sich seiner bewusst ist. Man denkt nicht in Begriffen von wahr oder falsch; man beurteilt die Gedanken nicht. Sie sind einfach so, wie sie sind. Man fügt keine Urteile bezüglich der Gedanken hinzu. Man urteilt auch nicht über gut oder schlecht. Bei manchen Leuten tauchen während Zazen viele Gedanken auf, und sie fällen das Urteil, dass sie ein schlechtes Zazen machen. Sie machen sich Schuldgefühle bezüglich ihrer Gedanken. Das bedeutet, dass sie einen überflüssigen Gedanken hinzufügen. In Zazen ergreift der Geist weder Partei für noch gegen etwas. Der Geist, der Trennungen und Gegensätze schafft, ist völlig aufgegeben. Das ist es, was man als "Aufgeben des Egos" bezeichnet. Das Ego ist nichts Besonderes. Es ist einfach eine bestimmte dualistische Funktionsweise unseres Geistes, die während Zazen aufgegeben wird. Man begnügt sich damit zu sehen, was in jedem Augenblick auftaucht und verschwindet. Man analysiert nicht die Gedanken, und man kontempliert auch nicht die Leerheit. Man macht nichts Besonderes mehr. So wird der Geist auf natürliche Weise frei und friedlich, frei von all unseren Konditionierungen und friedlich, weil man jeden Widerstand, jeden Konflikt unmittelbar aufgibt. Auf diese Weise wird Zazen selbst Nirvana, ohne dass man daran denkt oder es hervorrufen will, der friedliche Geisteszustand, der eintritt, wenn man aufhört, ergreifen oder zurückweisen zu wollen. Während eines Sesshins bemüht man sich auch in anderen Augenblicken des Alltags, so gut es geht, auf diese Weise weiterzumachen. Denn Zazen ist nicht auf die sitzende Haltung beschränkt. Im Sesshin wird das ganze Leben Zazen.
Schlaft während Zazen nicht und verliert nicht eure Zeit damit, Gedanken wiederzukäuen. Der Sinn der Praxis ist zu erwachen und nicht zu schlafen, auch nicht, seinen Geist durch Gedanken verdunkeln zu lassen. Erwachen bedeutet, vertraut mit unserer wahren Natur zu werden, mit der wahren Natur unserer Existenz. In Einklang mit ihr zu leben und zu praktizieren. Dafür ist der Geisteszustand, mit dem wir praktizieren, wesentlich. Wenn die Geisteshaltung falsch ist, wird unsere Praxis nicht zur Realisierung des Erwachen führen, selbst wenn wir oft praktizieren. Diesbezüglich hat der fünfte Patriarch, Meister Konin, einen Text geschrieben. Er heißt „Die Abhandlung über das höchste Fahrzeug“. Man ist sich nicht ganz sicher, ob er den Text wirklich verfasst hat, aber er wird ihm zugeschrieben. Während des Sesshins werde ich mich von diesem Text inspirieren lassen. Ich werde ihn nicht Satz für Satz kommentieren, mich aber von ihm inspirieren lassen, damit er unsere eigene Praxis inspiriert. Meister Konin empfiehlt uns, zu sehen und zu unterscheiden, was die grundlegende Essenz der Suche des Weges ist. Er sagt: „Es ist der reine Geist jedes einzelnen, der vollständig reine Geist, in dem keine täuschende Unterscheidung auftritt, in dem Körper und Geist grundlegend unbeschmutzt sind, ohne Geburt, ohne Tod.“ Er fordert uns auf, Vertrauen dazu zu haben, unser Vertrauen da hinein zu legen. Denn dies ist der Anbetung Buddhas vorzuziehen. Das bedeutet, unserer eigenen Fähigkeit zu erwachen zu vertrauen, statt uns der Kraft von jemand anderen hinzugeben. Wenn wir selbst die Kraft haben zu erwachen, dann deshalb, weil wir Buddha-Natur, Natur des Erwachens sind. Das, wozu wir erwachen müssen, ist die wahre Natur unserer Existenz. Diese wahre Natur besteht schon immer. Im gleichen Sinn sagte Meister Deshimaru: „Das Satori von Zazen zu erlangen bedeutet nicht, einen besonderen Zustand zu erlangen, sondern zu unserem ursprünglichen, normalen Zustand zurückzukehren.“ Der reine Geist ist der Geist, der sich nicht an Gegensätze und Trennungen haftet, der keine Dualismen schafft. In unserer Gesellschaft hat der Mensch ganz exzessiv den dualistischen und analytischen Geist entwickelt, der unablässig Trennungen schafft, Trennungen zwischen Körper und Geist, der sich selbst der äußeren Welt gegenüber stellt, der Handlung und das angestrebte Ziel voneinander trennt. Man nennt ihn den Geist der Technik. Selbstverständlich hat er seinen Nutzen, aber wenn er die Ganzheit unseres Geistes und unsere Funktionsweise dominiert, sind wir von unserer grundlegendsten Realität getrennt und von der Quelle entfernt. Zazen, die Praxis des Zen, regt uns an, zu dieser Quelle zurückzukehren. Sie ist nicht weit entfernt, weder im Raum noch in der Zeit, sie ist immer da. Wir haben nur den Kontakt zu ihr verloren. Das war die letzte Unterweisung von Meister Deshimaru, bevor er Europa verließ. Er sagte: "Schafft keine Beschmutzungen in eurer Praxis, schafft keine Trennungen zwischen Körper und Geist, zwischen Praxis und Realisation, zwischen euch selbst und den anderen, zwischen euch selbst und Buddha. Konzentriert euch ewig auf die Praxis von Zazen, die es ermöglicht, die Einheit wiederzufinden.“ Es ist wichtig, das Vertrauen zu haben, dass die Möglichkeit besteht, diesen Geist der Nicht-Zweiheit wiederzufinden, und unsere Praxis in diese Richtung zu lenken. Wenn wir so Zazen praktizieren, fühlen wir uns wie zu Hause.
Kehrt während Zazen immer wieder zur Konzentration auf die Atmung zurück. Das ist die beste Methode, um in jedem Augenblick vollständig gegenwärtig zu sein, ohne von Gedanken, gestört zu werden, Gedanken an Vergangenheit und Zukunft. Denn das ist anderswo. Anders gesagt, nicht weiter von unseren eigenen gedanklichen Erzeugnissen gestört zu werden, sondern einen klaren, reinen Geist zu haben, einen Geist, der nicht von unserem Ego verdunkelt wird. Das bedeutet, alles fallenzulassen, das nichts mit unserer Praxis hier und jetzt zu tun hat. Statt dessen legt man all seine Energie in die Praxis eines jeden Augenblicks, während Kinhin z.B., indem man sich auf jeden einzelnen Schritt konzentriert. So wird es möglich, nicht nur Vertrauen in diesen reinen Geist zu haben, sondern ihn zu erfahren, ihn zu erleben. In den Mahayana-Sutren heißt es, dass alle Wesen die Buddha-Natur haben. Meister Dogen übersetzte das so, dass alle Wesen in Wirklichkeit Buddha-Natur sind. Buddha-Natur ist nicht irgendetwas, das wir in der Tiefe unserer selbst besitzen, sondern das, was wir in Wirklichkeit sind. Das heißt, dass es keine Trennung zwischen einem selbst und der Buddha-Natur gibt. Aber manchmal geschieht es, dass sie verdeckt wird, so wie die Sonne von den Wolken verdunkelt wird. Wenn die Sonne nicht scheint, so bedeutet das nicht, dass die Sonne nicht da ist. Sie scheint immer, aber ihre Strahlen sind hinter den Wolken verborgen, werden von den Wolken verdeckt. Das gleiche gilt für den reinen Geist. Oft ist er hinter unseren Anhaftungen verborgen, unseren Anhaftungen an die Gegenstände. Unsere Besessenheit, uns die Gegenstände aneignen zu wollen, von denen wir glauben, dass sie unsere Wünsche befriedigen, lässt uns die Klarheit des Geistes verlieren. Wir glauben, dass wir niemals glücklich sein können, wenn wir nicht die Gegenstände unserer Wünsche erhalten, ob es sich dabei um Liebe handelt, um gesellschaftliche Anerkennung oder um das Satori. In dem Augenblick, in dem man hier und jetzt konzentriert ist, in seinem Körper und in seiner Atmung gegenwärtig ist und die Besessenheit aufgibt, immer etwas erlangen zu wollen, manifestiert sich der reine Geist, der Geist Buddhas, d.h. der freie Geist, der Geist, der durch keinerlei Gegenstände behindert wird.
Fahrt während Zazen damit fort, das Becken gut nach vorne zu neigen. Drückt mit den Knien fest auf den Boden. Lasst das Körpergewicht gut auf das Zafu drücken und streckt zur gleichen Zeit die Wirbelsäule und den Nacken. Drückt mit der Schädeldecke in den Himmel. So ist der Körper völlig zwischen Himmel und Erde ausgedehnt. Oben und unten sind nicht länger getrennt, sondern in Zazen vereint. Der rechte Fuß liegt auf dem linken Oberschenkel, die linke Hand ruht in der rechten Hand. So sind links und rechts vereint. Der Körper ist senkrecht und neigt sich weder nach vorne noch nach hinten noch zu einer der Seiten. Man atmet tief ein und aus. Die Tiefe der Einatmung hängt von der Tiefe der Ausatmung ab. Einatmung und Ausatmung sind nicht getrennt. Manchmal taucht ein Gedanke auf. Man lässt ihn einen Augenblick später fallen. Denken und Nicht-Denken sind nicht getrennt. Die Aufmerksamkeit ist nach innen gerichtet. Man beobachtet seine Empfindungen, seine Wahrnehmungen, seine Gedanken. Gleichzeitig bleibt man völlig in Kontakt mit der Außenwelt, zum Beispiel bleiben die Augen geöffnet. Um sich in Zazen zu konzentrieren, braucht man sich nicht
von der Welt zu trennen, sich von ihr zu isolieren. In Zazen ist der Geist,
der Trennungen schafft, aufgegeben. Man kann in Zazen ganz konkret die
Welt ohne Trennungen erleben. Das, was Trennungen schafft, ist eine bestimmte
Funktionsweise unseres Geistes, die die Realitäten zerlegt und Konzepte
und Gegensätze schafft: ich - die anderen, die Welt, das Leben -
der Tod. Selbstverständlich bin ich nicht jemand anderes. Ich bin
ich und ihr seid ihr. Leben ist Leben und Tod ist Tod. Jedoch ist das
nur ein Aspekt der Wirklichkeit. Wir leben aber so, als wäre dieser
Aspekt der einzige. Deshalb erscheinen alle Arten von Anhaftungen, die
zur Quelle von Konflikten und Leiden werden. In der Tiefe unserer selbst
wissen wir, dass es eine andere Dimension der Existenz gibt, die jenseits
all dieser Gegensätze ist. Deshalb kann der religiöse Geist
niemals vollständig aufgegeben werden, sondern bleibt ein grundlegendes
Bedürfnis des Menschen, der das Bedürfnis hat, die Einheit,
die Welt ohne Trennungen wiederzufinden. Wir bedauern den Tod, weil wir uns mit unserem Ego identifizieren. Wenn wir aber sehen, dass bei unserer Geburt kein Ego erscheint, sondern lediglich eine Begegnung der fünf Skandas und der vier Elemente stattfindet, realisieren wir, dass unser Leben, unsere Geburt wie das Entstehen einer Welle auf der Oberfläche des Ozeans ist: eine besondere Form, die jedoch nie vom ganzen Universum getrennt ist. Das ganze Universum ist ohne Geburt und ohne Tod. Die Wirklichkeit ist ohne Geburt und ohne Tod. Je vertrauter wir mit dieser Wirklichkeit werden, desto vertrauter können wir mit der Dimension der Existenz ohne Geburt und ohne Tod werden. Buddha hat dies erfahren und sich bemüht, es an uns weiterzugeben. Er hat diese Erfahrung „Nirvana“ genannt, Erfahrung der Nicht-Geburt und des Nicht-Todes. Die Erfahrung, die dem Nirvana gleicht, kann man am einfachsten realisieren, indem man Gier, Hass und Verblendung aufgibt. Das ist die Essenz selbst der Zazen-Praxis. Deshalb sagen wir Meister Dogen folgend: „Zazen selbst ist Satori“. Aber das darf nicht zu einem Slogan werden, sondern muss eine lebendige, realisierte Erfahrung sein.
Ein Sesshin zu praktizieren bedeutet, wirklich mit seinem eigenen Geist vertraut zu werden. Das bedeutet nicht, Buddha anzurufen, nicht einmal Buddhas Unterweisungen zu studieren, sondern zurückzukehren zur Erfahrung Buddhas, der zur wirklichen Natur seines Geistes erwachte. Atmet während Zazen ruhig ein und aus und beobachtet aufmerksam euren Geist. Was seht ihr? Bestimmt Empfindungen und Wahrnehmungen, denen ihr einen Namen gebt: „Krähen des Hahns“, „Knieschmerzen“, Empfindungen des Wohlbefindens. Ein Gedanke taucht auf. Was ist dieser Gedanke? Ist mein Geist dieser Gedanke? Wenn wir uns mit unseren Gedanken identifizieren, wird unser Geist eng und beschränkt. In Zazen kommen und gehen Gedanken, aber der Geist bewegt sich nicht. Er verweilt auf keinem Gedanken und identifiziert sich mit dem Denken. Er ist immer jenseits des Denkens, so wie der Himmel viel weiter ist als die Wolken, weiter als Mond und Sterne. Der Himmel enthält all das. Der Geist heißt alle möglichen Arten von Gedanken, Empfindungen und Wahrnehmungen willkommen, aber er ist nicht diese Gegenstände des Denkens. Er geht über sie hinaus, er ist jenseits des Auftauchens von Gedanken. Wenn man das vertraut realisiert, kann man lernen, zu diesem ursprünglichen inneren, reinen Geist vor dem Auftauchen der Gedanken zurückzukehren, zu dem Geist, der sich mit nichts identifiziert, der Leben und Tod nicht entgegensetzt, der sich nicht an das Leben klammert und den Tod nicht zurückweist. Denn er ist jenseits von allem Denken bezüglich Leben und Tod. Deshalb bezeichnet man ihn manchmal als den nicht-geborenen Geist, den Geist, der nie stirbt. Das ist die Essenz unseres eigenen Geistes, aber es ist nicht persönlich. Es ist der Geist, der von allen Wesen geteilt wird. Der Geist, der sich immer hier und jetzt manifestiert und alle Zeiten - Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - umfasst. Alle Zeiten kommen aus diesem Geist. Dieser Geist ist unser wirklicher Meister. Denn er stammt nicht aus unseren gedanklichen Erzeugnissen. Er ist vor jedem Denken. Im Zen spricht man von einer besonderen Weitergabe I shin den shin, von Geist zu Geist. In dieser Weitergabe gibt es nichts Weitergegebenes, sondern nur das wechselseitige Erkennen, dass dieser Geist erwacht ist, dass dieser Geist der wahre Buddha ist, das wahre Erwachen, der wahre Meister, dem wir folgen. Der Meister aus Fleisch und Blut, die andere Person, ist da, um jedem zu helfen, diesen Geist zu erkennen.
Mondo F: Wenn ich schwer krank werden sollte, so wie meine Frau, ist es dann erlaubt, über den Tod selbst zu bestimmen, indem ich Medikamente einnehme? Wenn es mit dem Umfeld abgestimmt ist, so dass niemand geschockt ist, und ich nicht auf den letzten quälenden Atemzug warten muss? RR: Ja, das ist möglich. Unter der Voraussetzung, dass der Tod in diesem Fall etwas absolut Unvermeidliches ist, dass es sich um einen völlig hoffnungslosen Fall handelt. Es ist aber auch nur dann möglich, wenn man in seinem Leben alles geregelt hat, was man zu regeln hatte. Das muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden. Trotzdem ist man nie sicher, ob die letzte Minute nicht möglicherweise die wichtigste ist. Es ist also eine große Verantwortung zu entscheiden, sein Leben abzukürzen. Aber es ist nicht verboten, wenn ein baldiger Tod auf keinen Fall zu vermeiden ist. In diesem Fall handelt es sich nicht um Selbstmord. - Das ist meine Sichtweise. Ich denke, dass das auch die Sichtweise der meisten Buddhisten ist. Aber es wäre interessant, mit anderen darüber zu diskutieren. Wenn die nächsten Kolloquien in der Gendronnière vorbereitet werden, möchte ich genau dieses Thema vorschlagen "Leben und Tod im Zen-Buddhismus" und auch Vertreter anderer Religionen einladen. Das ist ein sehr wichtiges Thema. Der Buddhismus ist nicht besonders dogmatisch, er ist sehr offen. Das grundlegende Prinzip ist: sich selber töten ist wie jemanden anderen töten. Das verstößt gegen das grundlegende Gebot, nicht zu töten. Das ist das grundlegende Prinzip. Aber von dieser Grundlage gibt es Ausnahmen. Wenn der Tod unvermeidbar ist und es darum geht, die letzten Leiden der letzten Augenblicke um ein paar Tage zu verkürzen, dann ist es eine Geste des Mitgefühls, das zu erlauben. Es zu verweigern wäre fast eine Form von Sadismus.
RR: Der reine Geist ist ein Teil der Manifestation des Lebens. F: Das ist klar. Aber warum sprichst du darüber? Ist es das Mitgefühl, das dich veranlasst vom reinen Geist zu sprechen? RR: Es ist nicht nur Mitgefühl, aber es hat mit Mitgefühl zu tun. Diesen reinen Geist wiederzufinden und so gut wie möglich mit ihm in Kontakt zu leben, ist die grundlegende Quelle der Befreiung. Es gibt keine andere Befreiung. Es ist das Wesentliche der Zazen-Praxis, unseren Geist von allen mentalen Erzeugnissen zu befreien, die uns hindern, in Kontakt mit der Realität zu sein, mit der tiefsten Realität, der Realität der Nicht-Getrenntheit. Man kann also sagen, dass das Leben selbst Nicht-Getrenntheit ist. Aber der Mensch hat nun mal einen Geist, der weiter entwickelt ist als bei anderen Lebewesen. Dieser Geist machte Entwicklungen durch und hat wahrscheinlich aufgrund der Sprache eine sehr dualistische Funktionsweise angenommen. Die linke Gehirnhälfte, der die Sprache zugeordnet ist, hat sich besonders entwickelt. Aufgrund der Überentwicklung dieser Funktionsweise des Geistes gibt es einen grundlegenden Aspekt des Lebens, den man nicht mehr sieht, den man vergessen hat. Wir sehen alles durch unsere mentalen Kategorien und durch den dualistischen Geist. Dadurch schaffen wir viel Leiden in unserem Leben für die anderen. Natürlich ist es ein Akt des Mitgefühls, die Rückkehr zum reinen Geist zu unterweisen, aber es geht auch um Mitgefühl sich selbst gegenüber, denn man muss es verwirklichen. Es ist kein geeignetes Mittel wie ein Spielzeug, mit dem man Kinder erheitert. Es ist eine wirkliche Erfahrung. Jeder kann diese Erfahrung machen. Ihr müsst mir nicht glauben. Es gibt Augenblicke, in denen man den reinen Geist hat, und andere, in denen man in Schwierigkeiten, in Dualismen gerät. Manchmal müssen wir uns dahinein begeben, wenn wir konkrete Probleme des Alltags zu lösen haben. Aber es ist wichtig, den Kontakt mit dem reinen Geist wiederzufinden. Es ist die einzige Möglichkeit, unsere existentiellen grundlegenden Probleme lösen und das Leben beschützen zu können. Wenn das Leben auf der Erde bedroht ist, so deshalb, weil wir den Kontakt mit dem reinen Geist verloren haben. Kein anderes Lebewesen auf der Erde hat das Leben derart bedroht wie der Mensch, und das deshalb, weil wir den reinen Geist verloren haben.
RR: Wenn man mit dem rechten Geist praktiziert, mit dem Geist, der von Buddha unterwiesen wurde. Buddhist zu sein bedeutet, das Erwachen zu suchen. Die Wurzel von "Buddha" und "Buddhist" ist „erwachen“. Das hängt also nicht von einem Glauben ab. Es ist die Suche nach der Erfahrung des Erwachens, so wie sie Buddha durch seine eigene Praxis erlangt hat. Durch diese Praxis nehmen wir mit unserem reinen, tiefen Geist Kontakt auf, der unsere Art zu leben und zu sehen verändert und unsere Werte beeinflusst. Das führt zum Entstehen der Gebote und aller anderen Paramita, zum Entstehen des Geistes des Mitgefühls, des Geistes der Nicht-Getrenntheit. Nur Zazen zu machen ohne die Zazen-Praxis im ganzen Leben zu aktualisieren, wäre ein Zeichen dafür, dass man das Erwachen Buddhas nicht verstanden hat. Ich würde also sagen, um wirklich Buddhist zu sein, muss man sein Leben in Zazen verwurzeln und es dieser Praxis auch erlauben, alle anderen Verhaltensweisen zu inspirieren und zu beeinflussen, insbesondere durch die Praxis der Paramita und durch die Praxis der vier Gelübde des Bodhisattva. In unserer Tradition bedeutet Buddhist zu werden, aufrichtig um die Ordination zum Bodhisattva zu bitten und wirklich an diese Gelübde und an diese Praxis des Bodhisattva zu glauben, und daraus die Bedeutung, den Sinn seines Lebens zu machen. Das geht von Zazen aus. Zazen ist die Basis und die Bodhisattva-Gelübde und die Paramita sind der Ausdruck davon. Normalerweise darf das nie getrennt sein. Warum stellst du diese Frage? F: Weil mich viele Leute gefragt haben, ob ich Buddhistin bin. RR: Was hast du geantwortet? F: Ich habe gesagt: „Nicht jeder, der Zazen macht, muss automatisch Buddhist sein.“ RR: Du hast recht. Man kann zum Beispiel seinen christlichen Glauben beibehalten und Zazen praktizieren. Aber wenn man den christlichen Glauben hat und als Christ Zazen praktiziert - das authentische Zazen, kein Zazen, das nur eine Körperhaltung ist, kein Zazen, während dessen man betet oder kontempliert -, dann wird dieses Zazen automatisch den Bodhisattva-Geist entwickeln sowie den Wunsch, den Gelübden und den Paramita zu folgen. Denn das ist wie eine Pflanze, die sich auf natürliche Weise entwickelt. Man kann es nicht verhindern. Aus dem Samenkorn von Zazen heraus kann nur der Baum des Bodhisattva wachsen. Wenn du einen Kirschkern pflanzt, kann daraus keine Eiche wachsen. Das wäre nicht natürlich. Die Bodhisattva-Gelübde und die Paramita widersprechen
aber nicht dem christlichen Geist. Ich glaube im Gegenteil, dass sie auch
die Essenz des Christentums und vieler anderer Religionen sind. Meister
Deshimaru sagte: „Zazen praktizieren bedeutet, die Essenz des religiösen
Geistes wiederzufinden.“ Das Erwachen Buddhas ist das Erwachen zur wahren religiösen Dimension unseres Lebens. Danach kann man ihr eine Form geben, christlich, jüdisch, islamisch. Ich kenne vor allem das Christentum und sehe da überhaupt kein Problem. Mit dem Judentum oder dem Islam kenne ich mich nicht so aus. Einige Schüler sind Juden und habe an interreligiösen Gesprächen teilgenommen. Viele Juden haben mir gesagt, dass es sie sehr berührt, was ich gesagt habe, weil es grundlegende Punkte ihrer Religion betrifft. Das gleiche habe ich von Moslems erfahren, insbesondere von Sufis. Ich habe an einem interreligiösen Retreat in der marokkanischen Wüste teilgenommen. Nach meinem Vortrag und Demonstration von Zazen war der Vertreter der Sufis begeistert. Er hatte überhaupt keine Probleme damit.
RR: Man wirft sich als Zeichen der Dankbarkeit vor allen Patriarchen nieder.
RR: Ich mag die Stille. Ich mache jede Woche Sesshins und schweige stundenlang, außer wenn ich Kusen halte. Ich wandere auch gerne in den Bergen und schweige dabei sechs oder sieben Stunden lang. Aber ich glaube, dass es auch wichtig ist, mit den anderen zu kommunizieren. Für mich besteht nicht die Wahl zwischen Schweigen und Reden. Wichtig ist, was man sagen will, wenn man redet. Geht es darum, wirklich etwas Wichtiges zu sagen oder nur darum, das Schweigen zu unterbrechen? Während eines Sesshins wollen wir die Teilnehmer nicht zum Schweigen verpflichten, aber wir bemühen wir uns, sie mehr Ruhe in die Sesshin zu bringen. Es ist z.B. besser, Samu soweit möglich schweigend auszuführen. Aber ich glaube, dass wirkliche Stille die Stille ist, die aus dem Inneren kommt. Man muss sie spüren. Wenn es eine Regel ist, die von jemandem aufgezwungen wird, ist es für manche sehr hart und schmerzhaft. Ich war von einer Predigt Buddhas beeindruckt. Einige seiner Schüler kehrten - wie du -von einem Schweige-Sesshin zurück. Sie waren sehr stolz und erzählten Shakyamuni, dass sie die ganze Zeit geschwiegen haben. Buddha machte sich über sie lustig: „Das ist doch völlig überflüssig. Das ist doch nicht wirklich wichtig. Wirklich wichtig ist das innere Schweigen.“ Du kannst an einem Schweige-Retreat teilnehmen und dabei sehr, sehr viele Gedanken haben. Vielleicht sogar noch mehr, weil du sie nicht ausdrücken kann. Das führt natürlich zu einer besseren Beobachtung seiner Gedanken, aber ich finde das etwas extrem, wie zum Beispiel einwöchiges Fasten. Man legt sich eine sehr rigorose Disziplin auf, wie um etwas abzuschneiden. Ich finde es wichtiger, das Gleichgewicht herzustellen, indem man zum Beispiel vermeidet, Überflüssiges, Unwichtiges oder gar Schädliches zu sagen, Lügen oder Kritik zu äußern. Es ist viel wichtiger, dass wir unseren Geist beobachten, wenn wir uns ausdrücken. Es ist besser zu erwachen, indem wir den Geist beobachten, der reden will – Von was ausgehend reden wir? - anstatt uns strikten Regeln zu unterwerfen, die uns das Sprechen verbieten. Ich habe z.B. überhaupt nicht den Wunsch, an einem Schweige-Sesshin teilzunehmen. Das interessiert mich nicht. Aber es interessiert mich sehr, darauf zu achten, was ich sage. Und natürlich nicht zu viel zu reden und auch der Stille zuzuhören.
RR: Aber es entspricht doch genau dem Bodhisattva-Geist, in den schwierigsten Welten geboren zu werden.- Du wirst sowieso nur dort wiedergeboren, wo du wiedergeboren werden kannst. Das ist alles. Du brauchst dir darüber keine Sorgen machen. F: Mache ich mir aber. Deswegen habe ich ja Probleme mit dem Bodhisattva-Gelübde. Ich habe mal gelesen, dass man, wenn man in der Buddha-Familie gelebt hat, in der Buddha-Familie wiedergeboren wird. Damit kann ich leben. RR: Aber was ist die wirkliche Familie Buddhas? Ist es die Familie, bei der immer alles gut geht und man keinerlei Leiden verspürt? Oder ist es die Familie derer, die geloben, allen Wesen zu helfen einschließlich derer in der Hölle? Das ist die Frage. Es gibt viele naive Visionen über den Buddhismus: „Wir praktizieren und sammeln Verdienste, dann werden wir im reinen Land, im Paradies Buddhas wiedergeboren. Dann werden wir jeden Tag Buddhas Lehren hören und Honigmilch trinken.“ Das ist eine etwas volkstümliche Sichtweise. Um die Leute zur Praxis zu bringen, erzählt man ihnen Kindergeschichten. Aber der wirkliche Sinn der Bodhisattva-Gelübde ist, keinen Unterschied zu machen: Jeder Ort, wo ich wiedergeboren werde, ist ein guter Ort. F: Wenn du wiedergeboren wirst, kann es dann also sein, dass du noch einmal vierzig Jahre brauchst, um dahin zu kommen, wo du jetzt bist? RR: Keine Ahnung. Es ist mir egal. Das einzige, was mich interessiert, ist, wie ich mich jeden Tag reinkarniere. Damit habe ich bereits genug zu tun. Was danach kommt, werden wir sehen. Aber ich habe Vertrauen. Ich mache mir keine Sorgen darüber, weil ich Vertrauen habe. Denn ich glaube, wenn man lernt, sich jeden Tag zu konzentrieren und auf die bestmöglichste Weise zu praktizieren, ist das die beste Vorbereitung auf jede Wiedergeburt, wo immer sie auch geschehen mag. Man kann nichts anderes tun. Was möchtest du? Eine Art Versicherung? Möchtest du die Bodhisattva-Gelübde nur unter bestimmten Voraussetzungen ablegen, nur unter der Voraussetzung, an einem guten Ort wiedergeboren zu werden? Ich weiß nicht, ob es Versicherer gibt, die solche Versicherungen abschließen. Ich kenne keine. F: Ist es also in Ordnung, wenn ich mich bei diesem Gelübde auf dieses Leben beschränken? RR: Normalerweise nein. Du musst wissen, dass das Gelübde unbegrenzt ist. Alle Wesen bedeutet alle Wesen. In diesem Leben bedeutet das alle Wesen, ob du sie nun magst, ob sie dir egal sind oder ob du sie nicht leiden kannst. Das ist nicht auf die begrenzt, die du magst. Alle Wesen bedeutet auch alle Wesen in der Zukunft. Das ist nicht begrenzt. Was dir vielleicht eine gewisse Sicherheit geben kann, auch wenn es keine Versicherung gibt, ist, dass es weder du noch ich sind, die jemanden retten. Ich denke wie Eno, dass die Menschen letztlich durch ihre eigene Buddha-Natur gerettet werden. Es ist die Rolle des Bodhisattvas, die Menschen mit der Möglichkeit in Berührung zu bringen, in Kontakt mit ihrer eigenen Buddha-Natur zu kommen. Es ist die Buddha-Natur jedes einzelnen, die die Wesen rettet. Das bist weder du noch ich. Das Gelübde des Bodhisattvas ist einerseits unbegrenzt, aber andererseits kein Gelübde, das von Allmachtvorstellungen gekennzeichnet ist: Gottgleich werde ich alle Wesen retten. Es ist das Gelübde, mit allen Wesen zu praktizieren, und ihnen zu helfen, den Weg kennenzulernen, und ihnen die Gelegenheit zu geben, sich selbst zu retten. Das heißt es, alle Wesen zu retten: die Leute auf den Weg bringen. Denn jeder muss durch sich selbst erwachen. Das kann nicht durch jemand anderen geschehen.
RR: Aber als Bodhisattva gehörst du doch bereits dazu. Du gehörst nicht zur Familie der Mönche. F: Was ist das? Was mache ich, wenn ich mich zum Mönch ordinieren lasse? RR: Man muss bereits im Geist und in der Praxis Mönch sein, wenn man um die Mönchs-Ordination bittet. Das heißt bereit sein, alle Anhaftungen an das täglichen Leben für die Praxis aufzugeben. Die Praxis mit der Sangha muss das Wichtigste im Leben werden. Als Bodhisattva hat man bereits alle wesentlichen Gelübde abgelegt, man hat die Gebote erhalten, man trägt ein Rakusu und macht Zazen. Alles ist bereits in der Ordination zum Bodhisattva enthalten. Die Mönchs-Ordination fügt dazu nichts hinzu. Sie bestätigt einfach, dass man bereit dazu ist, auf vieles zu verzichten, um seine Bodhisattva-Gelübde zu erfüllen. Mönch zu werden bedeutete in der Tradition, shukke zu werden, alles aufzugeben, so wie die Benediktiner, wenn sie ins Kloster gehen: Man gibt seine zivile Kleidung auf, seinen Beruf, seine Familie, seine Kinder, alles - wie Buddha - und geht ins Kloster. Das ist die tiefste und extremste Bedeutung. Seit einem Jahrhundert ist es den Zen-Mönchen erlaubt, ihren Beruf und ihre Familie zu behalten. So geschieht es auch in unserer Sangha. Wenn man Mönch oder Nonne werden will, muss man spüren, dass die Praxis mit den anderen, mit der Sangha, auf Sesshins und im Dojo das Wichtigste im Leben ist und danach handeln. Und den anderen helfen zu praktizieren, ins Dojo zu kommen, ihnen zu Diensten sein. Man muss diese Art zu praktizieren in seinem Leben vorher üben. Kannst du heute schon so handeln? Dann mache es ganz konkret so, ein Jahr lang zum Beispiel. Wenn du danach siehst, dass es dir damit gut geht, dann bittest du um die Ordination als Bestätigung. Denn in deinem Geist bist du dann bereits Mönch. Wenn du zuerst um die Mönchs-Ordination bittest und dann versuchst, dem zu ähneln, was ein Mönch sein sollte, kann es sein, dass du dich schuldig fühlst, wenn es dir nicht gelingt, und das Leiden nicht erträgst, das du dadurch um dich herum erzeugst. Ich möchte es in Zukunft so handhaben: Ich rate denjenigen, die Mönch oder Nonne werden wollen, erst einmal damit zu beginnen, das Leben zu erfahren, in dem man der Praxis mit der Sangha keine absolute, aber doch eine große Priorität einräumt. F: Das habe ich verstanden. RR: Handelst du schon so? F: Es kollidiert immer mit den Wünschen meiner Familie. Aber ich versuche es. RR: Schaffst du es trotz dieser Kollisionen, ein Gleichgewicht zu finden, in dem du ausreichend mit der Sangha praktizieren kannst? Oder neigt sich dieses Gleichgewicht eher in Richtung Familie? Dann ist es besser zu warten. Es ist nicht schlecht, sich um seine Familie zu kümmern. Auch das ist eine Praxis des Bodhisattva. Wenn du der ganzen Welt helfen möchtest, musst du erst einmal fähig sein, deiner Familie zu helfen.
Wenn wir Zazen machen, praktizieren wir die gleiche Meditation wie Buddha Shakyamuni. Buddha Shakyamuni war nicht grundlegend anders als wir. Er war ein Mensch wie wir. Er wurde geboren und erzogen, um Verantwortung in der Politik zu übernehmen. Er heiratete und hatte ein Kind. Als er Zazen praktizierte, erwachte er schließlich vollständig. Ausgehend von dem Körper und Geist eines Menschen, der unserem Körper und unserem Geist gleicht, wurde er Buddha. Davon ausgehend trat ein Unterschied auf. Das, was aus einem gewöhnlichen Menschen einen Buddha macht, ist, dass er die wirkliche Natur der Dinge realisiert und - wie Meister Konin es formuliert - die Quelle des Geistes wahrnimmt. Die gewöhnlichen Menschen sehen nicht die wahre Natur der Realität und die Grundlage des Geistes. Deshalb klammern sie sich an alle möglichen Objekte. Weil man sich nicht völlig der Wirklichkeit bewusst ist, entwickelt man alle möglichen Arten von Anhaftungen und Ablehnungen, von Hass. Deshalb ist unser Geist völlig aufgewühlt. Deshalb klammert man sich an die Geburt und lehnt den Tod ab. Wenn man sich an etwas klammert, das unbeständig ist, möchte man, dass es andauert. Wenn man sich mit seinem begrenzten Geist identifiziert, der alle möglichen Begriffe erzeugt, an die man sich klammert, ist man nicht mehr in Kontakt mit der Quelle des Geistes, der keine Trennungen schafft. Die Essenz der Zen-Praxis ist, zu diesem Geist zurückzukehren, der keine Trennungen schafft, zu dem Geist vor dem Auftauchen der Gedanken. Wenn man völlig auf Haltung und Atmung konzentriert ist und alles wahrnimmt, was geschieht, wie ist dann unser Geist vor dem Auftauchen eines Gedankens? Selbstverständlich kann man das nicht beschreiben oder definieren, aber man kann damit vertraut werden, man kann es erfahren. Dann bleibt man in Kontakt mit dem Geist jenseits aller Gedanken, selbst wenn Gedanken erscheinen, und man wird folglich nicht von den Phänomenen, die während Zazen auftauchen, gestört. Dann wird die wahre Natur der Phänomene klar. Das bedeutet, das Shiki soku ze ku des Hannya Shingyo konkret zu erleben. Die Phänomene kehren nicht nur zur Leerheit zurück, sie unterscheiden sich nicht mehr von der Leerheit. An diesem Punkt gibt es keinen Gegensatz mehr zwischen Leben und Tod. Man kann völlig friedlich werden. Der Gegensatz von Leben und Tod ist überwunden. Das heißt nicht, dass man nicht mehr stirbt, aber der Tod ist kein besonderes Problem mehr. Das macht einen großen Unterschied. Dann kann die Wurzel der egoistischen Haltung, des besitzergreifenden Geistes abgeschnitten werden. Nicht durch eine willentliche Bemühung, nicht aus moralischen Gründen, sondern kraft des Erwachens zur Wirklichkeit, so wie sie ist. Selbst wenn wir das nicht völlig realisiert haben, selbst wenn es wie ein Ideal erscheint, ist es wichtig zu verstehen, dass es die richtige Richtung unserer Praxis ist, um in unserer Praxis konkret in diese Richtung zu gehen. Konkret bedeutet, in jedem bewussten Augenblick. Wie ist unser Bewusstsein in jedem Augenblick? - Das ist die einzig wichtige Sache. Jenseits davon gibt es keine Realisation.
Das Sesshin ist beinahe vorüber. Konzentriert euch jedoch bis zum Schluss. Gebt all eure Energie der Haltung und all eure Aufmerksamkeit der Atmung. Lasst eueren Geist sich nicht von Gedanken verdunkeln. Sobald ihr wahrnehmt, dass ihr an etwas denkt, kehrt zur Konzentration auf die Ausatmung zurück und lasst alle geistigen Erzeugnisse fallen. Damit dieses Loslassen ohne besondere Anstrengung geschieht, seht, dass diese gedanklichen Konstruktionen keine wirkliche Substanz haben, sondern einfach wie Wolken sind, die am Himmel auftauchen und verschwinden. Unser authentischer Geist, unser wahrer Geist ist der weite Himmel. Aber wenn er sich mit den Wolken identifiziert, wird er etwas Begrenztes. Um einen Geist zu realisieren, der wie der weite Himmel ist, muss man immer wieder zu dem Punkt vor dem Auftauchen der Gedanken zurückkehren. Meister Isan nannte ihn „unser wahres Gesicht vor der Geburt unserer Eltern“. Das heißt der Geist, der sich nicht an Worte und Vorstellungen klammert, der die Einheit aller Dinge jenseits der Trennungen sieht. Das ist der wirkliche religiöse Geist. Alle wollen glücklich und frei von Leid sein. Man stellt sich vor, dass bestimmte Bedingungen erfüllt sein müssen, um dahin zu gelangen. Im Allgemeinen geht es darum, das zu erlangen, was man sich wünscht, und das zu vermeiden, was einem missfällt. Aber wenn unser Glück und unsere Freiheit davon konditioniert werden, handelt es sich um ein sehr zerbrechliches Glück und um eine sehr begrenzte Freiheit, die ständig von Mujo, der Unbeständigkeit, bedroht werden. Buddha lehrte und Zazen zeigt uns, dass wirkliches Glück und wirklicher Geistesfrieden von unserem Bewusstseinszustand in jedem Augenblick abhängen, d.h. von der Realisation des Geistes, der wie der weite Himmel ist. Das bedeutet immer wieder zurückzukehren zum Geist jenseits unserer Gedanken. Meister Dogen nannte es „Hishiryo-Bewusstsein“. Meister Konin nannte es „den grundlegenden authentischen Geist“ und Isan „unser wirkliches Gesicht vor der Geburt unserer Eltern“. Christus nannte es „Himmelreich“. Es ist der ungeteilte Geist. Wenn man diesen Geist auch nur wenige Augenblicke lang erlebt, wird jedes Studium überflüssig. Denn alle Unterweisungen sind indirekte Mittel, damit wir diesen Geist realisieren. Weil dieser authentische Geist immer verfügbar ist,
braucht man nicht hierhin und dorthin zu laufen wie jemand, der seinen
Kopf verloren hat. Es reicht sich hinzusetzen, eine Pause von der täglichen
Aufgeregtheit zu machen und wieder mit seinem authentischen Geist in Berührung
zu kommen. Dann lösen sich alle Wolken unserer Täuschungen auf,
und die Sonne, die nie zu scheinen aufgehört hat, scheint wieder.
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