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Orte der Praxis Buchenwald-Sesshin Pressespiegel
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Roland Rech: Kommentare zum Parinirvana-Sutra
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Kusen Frühjahrslagers in Grube Louise 27. Mai - 4. Juni 2000
27.5.00, 7.30 Uhr
Konzentriert euch ab Beginn des Zazen gut auf eure
Haltung. Neigt gut das Becken nach vorne und drückt gut mit den Knien
auf den Boden. Wenn man das Becken nach vorne neigt, ist es wichtig, das
Gleichgewicht zu finden. Wenn man ein Hohlkreuz macht, wird die Atmung
abgeschnitten. Wenn man nicht weit genug nach vorne geneigt ist, kann
man nicht die Energie in den Unterleib hinabsteigen lassen. Es ist wichtig,
dies zu beobachten und die richtige Beckenneigung zu finden. Man muß
so auf dem Zafu sitzen als wolle man, dass der After das Zafu nicht berührt.
So übt man auf das Zafu einen Druck aus mit einem Punkt, der sich
im Zentrum des Dammes befindet und eine Energiequelle ist. Man entspannt
gut den Bauch und läßt das Körpergewicht gut auf das Zafu
drücken. Es ist wichtig, sich gut verwurzelt zu fühlen.
Ausgehend von dieser Grundlage streckt man gut die
Wirbelsäule, von der Taille, vom fünften Lendenwirbel aus. Man
entspannt gut alle Verspannungen des Rückens, des Nackens, man streckt
die Wirbelsäule bis hinauf zur Schädeldecke, so als wolle man
mit der Schädeldecke in den Himmel stoßen. Das Kinn ist zurückgezogen,
die Schultern sind entspannt. Man muß eine starke Energie in der
Nierengegend spüren und darf die Haltung nicht weich werden lassen.
Man spürt eine starke Energie im Nacken. Aber die Haltung darf nie
starr, rigide werden; sie bleibt sanft, geschmeidig. Das Gleichgewicht
zu finden ist wie eine Gitarre stimmen: Man muß es immer wieder
machen, aber nicht pausenlos.
Beim Zazen gibt es also eine Zeit, in der man seine
Haltung korrigiert, und eine Zeit, in der man sich in die Haltung hineingibt,
in der man sich von der Haltung leiten lässt. Man darf kein willensgesteuertes
Zazen praktizieren. Zazen ist gleichzeitig Konzentration und Loslasssen.
Wenn man völlig konzentriert ist, kann man sich völlig vergessen
und sogar die Konzentration aufgeben. Der willensgesteuerte Geist der
Konzentration wird aufgegeben.
Das Gesicht ist entspannt, der Blick ruht einfach vor
einem auf dem Boden, ohne einen besonderen Punkt zu fixieren. So wird
der Blick weit und umfängt den ganzen Raum um einen herum - 360 Grad.
Selbst wenn man nicht direkt hinter seinen Rücken sieht, hat man
die Intuition des Raumes um einen herum.
Der Geist fixiert keinen Gedanken und so wird auch
er weit, umfasst alle Phänomene in der Praxis von Zazen, ohne irgend
etwas zu ergreifen, ohne irgend etwas zurückzuweisen. So kann das
ganze Universum sich in diesem Zazen spiegeln. Das ist keine Frage von
weit und eng, von fern und nah, von innen oder außen.
Der Kiefer ist entspannt, die Zunge liegt am Gaumen,
der geschlossene Mund spricht nicht. Man betrachtet seinen inneren Dialog,
aber nährt ihn nicht. Man kehrt zur geistigen Stille zurück.
Die linke Hand liegt in der rechten, die Daumen sind
waagerecht, die Handkanten in Berührung mit dem Unterleib. In Zazen
machen die Hände nichts, ergreifen nichts. Das beeinflußt den
Geist, der selbst ebenfalls nichts macht und nichts ergreift. Man konzentriert
sich einfach auf die Berührung der waagerechten Daumen, auf den sanften
Daumenkontakt. Wenn man seine Aufmerksamkeit auf diesen Daumenkontakt
richtet, kann man aufhören, mit seinem Vorderhirn zu denken, aufhören
Gedanken zu produzieren. Man kann mit seinem ganzen Körper völlig
gegenwärtig sein, völlig hier und jetzt, in Einheit mit seiner
Praxis. Mit dem ganzen Körper denken, nicht nur mit seinem Kopf.
Atmet tief ein und aus, ohne mit vollen oder leeren
Lungen zu verweilen. Die Atmung wird fließend und beeinflußt
das Bewußtsein, das auf nichts verweilt. So kann man am Ende jeder
Ausatmung zum Nullpunkt des Nicht-Denkens zurückkehren, all seine
Sorgen loslassen und einen freien, verfügbaren Geist wiederfinden.
Augenblick für Augenblick. Und dies im Alltag fortsetzen. Das ist
die wesentliche Praxis des Sesshin.
27.5.00, 16.30 Uhr
Während dieser Session werde ich damit fortfahren,
das Nirvana-Sutra zu kommentieren. Ich habe damit auf dem Frühjahrslager
auf der Gendronnière begonnen. Es handelt sich um die letzte Unterweisung
Buddhas. Er gab sie während seiner letzten Reise, während der
sechs letzten Monate seines Lebens. Er begann die Reise in Rajagriha,
wo der Geierberg liegt. In kleinen Etappen reiste er zu Fuß bis
nach Kushinagara. Das sind ungefähr 450 Kilometer. Er war 80 Jahre
alt und bereits sehr krank gewesen. Er war genesen, um seinen Schülerinnen
und Schülern eine letzte Unterweisung geben zu können.
In dem Sutra findet man sehr zusammengefaßt das
Wesentliche der Lehre, die er während 45 Jahren verkündet hat.
Er wendet sich an seine Schülerinnen und Schüler und sagt zu
ihnen: Wie lange ihr auch dies oder das praktiziert, kennt ihr den
Fortschritt und nicht den Verfall." Ich bin an den Punkt gekommen,
wo er sagt: Wie lange die Mönche auch den Erwachens-Faktor
Aufmerksamkeit entwickeln, kennen die Mönche den Fortschritt und
nicht den Verfall." Er spricht vor Mönchen und spricht deshalb
die Mönche an, aber in Wirklichkeit betrifft es alle Menschen, die
seiner Unterweisung folgen. Im Zen steht dieser Faktor des Erwachens,
der Faktor der Aufmerksamkeit, im Zentrum, im Kern unserer Praxis.
Zunächst einmal die Aufmerksamkeit auf die Körperhaltung,
hier und jetzt in Zazen völlig sitzen. Eins mit der Haltung, völlig
auf seinem Zafu sitzen und alle Sorgen fallen lassen. Seinen Körper
völlig zwischen Himmel und Erde ausdehnen. Die stabilste Haltung
finden, die man verwirklichen kann. Völlig achtsam sein auf seinen
Körper in der sitzenden Haltung. So läßt man seinen Geist
nicht aus dem Hier der gegenwärtigen Erfahrung entweichen.
Wenn man sich selbst beobachtet, kann man bemerken,
dass man oft von etwas anderem angezogen wird. Die Praxis des Zen ist
es, zu lernen völlig gegenwärtig zu sein; nicht nötig,
an etwas anderes zu denken. Das, was uns oft etwas anderes suchen läßt,
ist unsere Gier, die nicht damit zufrieden ist, hier und jetzt zu sein,
in diesem Körper, an diesem Ort, in dieser Haltung. Man erwartet
anderes, man möchte anderes. Wenn man nicht in Einheit mit dem Hier
ist, wird das Hier nicht wirklich gelebt, nicht wirklich durchdrungen.
Und plötzlich hat man den Eindruck, dass diesem Hier etwas fehlt.
Doch dieser Mangel kommt aus der Gier und nicht umgekehrt: Es ist nicht
so, dass die Gier aus dem Mangel resultiert, sondern der Mangel resultiert
aus der Gier. Es ist der Mangel, nicht eins zu sein mit der Wirklichkeit
des Augenblicks, mit der gegenwärtigen Erfahrung.
Die Praxis der Achtsamkeit besteht darin, immer wieder
zur gegenwärtigen Erfahrung zurückzukehren, nicht nur in der
Zazen-Haltung, sondern an jedem Ort und zu jedem Augenblick unseres Lebens.
Einssein mit dem Gehen, wenn man geht, eins mit einer Geste, wenn man
eine Geste macht, z.B. Gassho, Sampai. Eins mit dem Punkt beim Kesa-Nähen,
wenn man ein Kesa näht. Eins mit dem Gemüse, wenn man Gemüse
schneidet. Eins mit dem Zähneputzen, eins mit dem Auf-die-Toilette-gehen,
eins mit dem Baum, wenn man einen Baum betrachtet. Eins mit dem Schlafengehen,
wenn man schlafen geht. In diesem Augenblick ist es nicht nötig,
an etwas anderes zu denken.
Wenn jeder Augenblick des Lebens vollständig gelebt
wird, ist er jenseits von Überfluß und Mangel, jenseits von
Zufriedenheit und Unzufriedenheit. Dieses Darüberhinaus ist Frieden
und Freiheit. In Frieden mit sich selbst, mit der Welt, die uns umgibt.
Frei von jeder Erwartung, jedem Bedauern. Manchmal nennt man diese Freiheit,
diesen Frieden, Nirvana: Erlöschen des Leidens. Deshalb stellte Buddha
die Praxis der Achtsamkeit an die Spitze aller Faktoren des Erwachens.
Mondo
F: Ich war in der Gesprächsgruppe, in der es um
die fünf Skandhas ging. Ich verstehe nicht den Zusammenhang zur übrigen
Lehre Buddhas. Wie ist er darauf gekommen, wie kam er zu den fünf
Skandhas? In welchem Zusammenhang stehen sie zu den vier Edlen Wahrheiten?
RR: Die fünf Skandhas stehen in Bezug zur ersten
Edlen Wahrheit. In seiner Predigt in Benares beschreibt Buddha, nachdem
er diese vier Edlen Wahrheiten - die Wirklichkeit des Leidens, die Ursache
des Leidens, die Beendigung des Leidens und der Weg, der zum Ende des
Leidens führt - entdeckt hatte, die erste Wahrheit, alle Aspekte
des Leidens. Er sagt: Geburt ist Leiden, Krankheit, Alter, Tod;
das nicht zu erhalten, was man möchte; das nicht vermeiden können,
was man nicht mag" usw. Und er sagt schließlich: Die
fünf Anhäufungen des Anhaftens sind Leiden." Man kann sagen,
dass dies die Zusammenfassung des Wesensgehaltes der ersten Edlen Wahrheit
ist. Sie umfasst alle Aspekte des Leidens. Beantwortet das deine Frage?
F: Ja. Aber ich habe noch eine neue: Wenn ich es richtig
verstanden habe, ist das so, dass nicht alle fünf Skandhas zum Leiden
führen.
RR: Dazu muß man zunächst verstehen, was
Buddha unter Leiden versteht: Leiden ist Dukkha. Dukkha ist nicht nur
Leiden im gewöhnlichen Sinne. Natürlich hat man zum Beispiel
einen Körper - er ist das erste Skandha. Aber der Körper leidet
nicht nur, mit dem Körper empfindet man auch viele Freuden. Genauso
ist es mit den Empfindungen, auch sie sind nicht immer Leiden. Es gibt
unangenehme Empfindungen, es gibt neutrale und auch angenehme: Glück,
Freude, alle Arten positiver Gefühle. Zum Beispiel gibt es in der
Meditation Gefühle der Glückseligkeit, des Wohlbefindens. Buddha
hat das nicht ignoriert. Das gleiche kann man von den Wahrnehmungen sagen.
Aber warum sagt Buddha schließlich: Alle
Anhäufungen des Anhaftens sind Leiden"? - Weil all diese Anhäufungen
die Grundlage unserer Anhaftungen sind. Selbst wenn man große Freude,
großes Glück empfindet, haftet man dem an. Man möchte,
dass es fortbesteht, dass es immer so bleibt. Zur gleichen Zeit ist man
sich wohl bewußt, dass diese Wünsche, diese Freuden, dieses
Glück bedingt sind, von bestimmten Bedingungen abhängig sind.
Zum Beispiel: Du begegnest einem Mann, er gefällt
dir, du gefällst ihm, dann heiratet ihr und seid glücklich.
Aber dieses Glück hängt von der Gegenwart dieses Mannes ab und
davon, dass er so ist, wie er in dem Augenblick war, als du ihn zu lieben
begonnen hast. Wenn er sich ändert oder wenn er mit einer anderen
Frau weggeht, ist das schrecklich. - Nicht nur wenn er tatsächlich
weggeht, allein daran zu denken: Eines abends schaut er eine andere Frau
interessiert an und vielleicht wird er dich verlassen. Letztlich bist
du nie sicher. Diese Unsicherheit lässt Leiden und Anhaftung aufkommen.
Dennoch bist du jetzt völlig glücklich. Genau deshalb erscheint
die Anhaftung.
Buddha war also nicht so, dass er - wie manche glauben
- nur Leiden sah. Das ist ein Übersetzungsproblem des Wortes Dukkha.
Dukkha bedeutet nicht nur Leiden". Dukkha meint Leiden"
im gewöhnlichen Sinne, aber auch Unbeständigkeit"
und auch die Tatsache, dass alles, was existiert, bedingt ist, also ohne
Substanz und ohne Dauer ist. Und dass es für uns schwierig ist, dies
zu akzeptieren. Der ganze Weg besteht darin, zu lernen, sich damit zu
harmonisieren. Einverstanden?
F: Das hat Licht in das Dunkel gebracht.
RR: Aber danach bedarf es eines ganzen Lebens, um diesem
Licht zu folgen.F: Es kam bei unserem Gespräch die Frage auf: Was
ist das, was feststellt, dass die fünf Skandhas bedingt sind?"
RR: Das sind die Skandhas selbst. Ich denke, dass das
im vierten Skandha stattfindet, dem Skandha der geistigen Aktivität.
Und ein bißchen auch in den anderen Skandhas. Zum Beispiel ist das
Bewußtsein erforderlich, das fünfte Skandha. Bewußtsein
bedeutet, sich dessen bewußt zu sein, was in den anderen vier Skandhas
geschieht. Zum Beispiel, das Leiden wahrzunehmen. Das Leiden hat seine
Wurzel im zweiten Skandha, es ist eine Empfindung. Aber um zu erkennen,
dass es sich um ein Leiden handelt, bedarf es der Wahrnehmung. Es ist
also die Wahrnehmung dieser Empfindung da, das dritte Skandha. Dann muß
man sich dessen bewußt sein, das ist das fünfte Skandha. Ausgehend
von dieser Empfindung, von dieser Wahrnehmung und diesem Bewußtsein,
gibt es Nachdenken. Möglicherweise macht man sich eine Vorstellung,
und das ist das vierte Skandha. Zum Beispiel sitzt der Wunsch sich zu
befreien, den Weg zu verwirklichen, auch in diesem vierten Skandha.
Natürlich gibt es in dem Ganzen kein Ego, niemand,
der realisiert. Niemand realisiert das Leiden. Nur die Skandhas, vor allen
Dingen das vierte, das die geistige Konzeption, das Denken ist. Das, was
wir Ego, Ich, Person nennen, ist ein Produkt des vierten Skandha.
Wenn man das versteht, versteht man die letzte Leerheit.
Aber das bedeutet nicht, dass es kein Leiden und kein Glück gibt,
dass es keinen Weg und keine Verwirklichung gibt. Aber der Weg als Befreiung
kann nur verwirklicht werden, wenn man tief versteht, dass es niemanden
gibt, der den Weg verwirklicht.
27.5.00, 20.30 Uhr
Bringt während Zazen immer wieder eure Konzentration
auf die Atmung zurück. Nährt nicht die Gedanken. Manchmal ist
die Atmung lang, manchmal kurz. Man begnügt sich damit, sie einen
Augenblick lang zu betrachten. Es ist wie das Vogelgezwitscher: nichts,
das wir messen können, einfach das, was hier und jetzt auftaucht.
Wenn man sich nicht bemüht, seine Atmung mit dem
Willen zu kontrollieren, entspannen sich Körper und Geist, und die
Atmung wird auf natürliche Weise fließend. Der Geist, der mißt
und vergleicht, ist aufgegeben. Es ist einfach ein Körper, der atmet,
in Einheit mit dem ganzen Kosmos. Kein Ego, niemand, der atmet. Atmet
mit dem ganzen Körper, nicht nur mit dem oberen Lungenteil, nicht
nur mit dem persönlichen Willen. Schließlich gibt man sich
der Atmung hin.
In der Praxis der Achtsamkeit ist es wichtig, klar
den Sinn dessen zu verstehen, was wir praktizieren. Keine besondere Atmung
anstreben, keine besondere Macht entwickeln. Einfach sich mit dem Weg
harmonisieren, der uns von uns selbst befreit.
Deshalb vermeiden wir jede Form von Willensanstrengung.
Nicht zu viel kontrollieren zu wollen, löst den umgekehrten Effekt
aus: Es schafft Spannungen, Gegensätze in einem selbst. So praktiziert
man im Zazen reine Achtsamkeit - einfach sehen, was ist, so wie es ist,
indem man aufhört, irgend etwas zu wollen, indem man aufhört,
irgend etwas zu erzeugen. Es ist nicht erforderlich, sich selbst zu unterdrücken,
denn in der Tiefe ist kein Ego, das man kontrolliert oder unterdrückt.
Dennoch bringt man Körper und Geist wieder zurück zur Praxis
des gegenwärtigen Augenblicks. Man läßt sich nicht ablenken,
man verstreut nicht seine Energie. Auch im Alltag macht man nichts, als
den Weg zu praktizieren, man verfolgt nichts anderes. Das ist der Geist
des Sesshins.
28.5.00, 7.30 Uhr
Verliert während Zazen nicht eure Zeit damit,
dass ihr allen möglichen Gedanken folgt. Kommt immer wieder zu dem
zurück, was das Zentrum unserer Praxis ist, zur Konzentration auf
den Körper. Drückt mit der Schädeldecke in den Himmel,
mit den Knien in die Erde, zieht gut das Kinn zurück, entspannt die
Schultern, laßt euren Körper sich weder nach vorne noch seitwärts
neigen. Die Wirbelsäule ist gut senkrecht, die Augen sind horizontal,
ebenso die Schultern und die Daumen. In jedem Augenblick bemüht man
sich, mit dem Körper und der Energie, über die man verfügt,
die bestmögliche Haltung einzunehmen, ohne etwas zurückzuhalten,
aber auch ohne Brutalität. Es ist wichtig, in jedem Augenblick die
richtige Praxis zu finden, die ausgeglichene Praxis. Auch im Alltag das
praktizieren, was zu praktizieren möglich ist. Schritt für Schritt,
ohne mutlos zu werden. Ohne Ungeduld, aber auch ohne zuviel Selbstzufriedenheit.
Seine eigene Leuchte zu sein bedeutet, nicht nur mit dem Kopf zu verstehen,
intellektuell, sondern praktisch zu verstehen: Was ist der nächste
Schritt auf dem Weg, den man tun kann?"
Diese Praxis ist nicht begrenzt: Alle Aspekte, alle
Phänomene unseres Alltags sind Gelegenheit zur Praxis. Der Bereich
unserer Meditation ist nicht begrenzt. Er umfasst die Erfahrung unserer
Wirklichkeit in jedem Augenblick.
Nicht nur achtsam sein auf unseren Körper, sondern
auch auf unsere Empfindungen. Die Empfindungen bewirken, dass wir eine
Situation als angenehm oder unangenehm empfinden. In Zazen lernt man,
alle Empfindungen willkommen zu heißen ohne auszuwählen, ohne
die unangenehmen Empfindungen zu unterdrücken, ohne sich an die angenehmen
Empfindungen zu klammern.
Man betrachtet den Ursprung der Empfindungen. Der ist
immer der Kontakt unserer Sinnesorgane mit unserem eigenen Körper
oder mit unserer Umgebung oder mit unseren Gedanken, mit angenehmen oder
unangenehmen Gedanken. Auch die Gedanken sind Gegenstand der Empfindung.
Der Gleichmut in Zazen, im Leben, besteht nicht darin,
keine Empfindungen mehr zu haben, sondern darin, sie so zu akzeptieren,
wie sie sind, ohne sie zu unterdrücken, aber auch ohne sie zu aufzublähen.
Wie Meister Tozan sagte: Wenn es warm ist, ist es uns einfach warm.
Wenn wir frieren, frieren wir einfach." Die gewöhnliche Einstellung
unseres Egos besteht darin, nur die angenehmen Empfindungen behalten zu
wollen, und alle unangenehmen Empfindungen zurückzuweisen. Man verbringt
seine Zeit damit, hinter bestimmten Gegenständen herzulaufen und
andere zu meiden. Diese ständige Aufgeregtheit ist unser Samsara,
unsere unablässige Transmigration in Abhängigkeit von unseren
Anhaftungen.
Zazen zu praktizieren bedeutet, sich die Möglichkeit
zu geben, frei zu werden bezüglich dieses ganzen Vorganges, sich
die Gelegenheit zu geben, anders zu sein. So zu sein, wie es Meister Sosan
empfahl, als er sagte: Den Weg zu durchdringen ist nicht schwer.
Man muss nur frei sein von Gier und Haß, von Zuneigung und Abneigung."
Diesen Satz haben wir schon hunderte Male gehört, aber wie praktizieren
wir ihn in jedem Augenblick? Das ist unsere Art und Weise, unsere eigene
Leuchte zu sein.
28.5.00, 16.30 Uhr
Während Zazen kann unser Bewußtsein - dank
der Konzentration auf Haltung und Atmung - wie ein Spiegel funktionieren.
Man kann aufmerksam werden auf die Funktionsweise seines eigenen Geistes.
Der Geist selbst ist nicht fassbar, man kann seinen Geist nicht sehen.
Aber man kann verschiedene Geisteszustände auftauchen sehen, zum
Beispiel einen Wunsch. In diesem Augenblick ist es wichtig, ihn zu erkennen,
ihn nicht zu unterdrücken; einfach erkennen, dass ein Wunsch da ist.
In Zazen folgt man nicht den Wünschen, die auftauchen. Man lernt,
sie einfach zu beobachten und sie so sein zu lassen, wie sie sind. Es
ist eine große Freiheit, sich mit seinen Wünschen nicht zu
identifizieren.
Buddha empfahl, die Ursprungsfaktoren dieser Wünsche
zu kontemplieren. Manche Wünsche sind mit dem Ego verknüpft,
mit der Tatsache, dass man sich mit dem identifiziert, was namarupa genannt
wird, Körper und Geist. Man wünscht sich also anerkannt, gemocht
zu werden, eine Position zu haben, häuft all das an, was unserem
Ego Dauerhaftigkeit verleiht: Ehrung, Anerkennung. Andere haben als Ursprung
die Verblendung. Zum Beispiel die Unkenntnis der negativen Auswirkungen
eines Wunsches, oder die Unkenntnis der Unmöglichkeit, ihn zu befriedigen.
Zum Beispiel der Wunsch, ewig zu sein, unsterblich zu sein.
Ein anderer Ursprungsfaktor ist das Karma, das vergangene
Karma, das Konsequenzen hervorruft, die neue Phänomene und neue Wünsche
bewirken. Desweiteren gibt es die grundlegende Gier: das beginnt mit der
Gier nach dem Heiligen, dem Ewigen. Das geht weit darüber hinaus,
einfach ein Bedürfnis zu befriedigen. Es geht darum, immer mehr haben
zu wollen; zu glauben, dass die Befriedigung, das wirkliche Glück
darin besteht, immer mehr zu haben. Darauf baut die Gesellschaft sehr
stark.
In Zazen kann man all dies betrachten, die Bewegungen
unseres Geistes, ihren Ursprung und ihr Erscheinen betrachten. Weil man
nicht in eine Handlung verwickelt ist, kann man sich damit begnügen,
einfach zu betrachten und sein Bewußtsein zu entwickeln. Das ist
die Grundlage dafür, sich von seinen Konditionierungen zu befreien.
Mit den anderen Geisteszuständen ist es genauso.
Zum Beispiel mit dem Haß, der Feindschaft, mit der Täuschung,
damit, dass man die Wirklichkeit nicht so sieht, wie sie ist, sondern
durch seine Ängste und Wünsche hindurch. Auch mit der Sturheit,
dem sturen Geist: wenn man seinen Standpunkt nicht ändern kann, wenn
man blockiert bleibt, wenn man nicht vorüberziehen lassen kann. Auch
mit anderen Geisteszuständen wie dem Bangen, dem Zögern, der
Schläfrigkeit. Immer ist es wichtig zu erkennen, in welchem Geisteszustand
wir uns befinden. Seinen Ursprung sehen und sehen, wie man ihn verändern
kann.
Manchmal ist der Geist angespannt: Wenn man etwas zu
sehr kontrollieren möchte, wenn man die Tendenz hat, sich selbst
zu unterdrücken, wird man verspannt. Manchmal läßt man
sich ablenken. Dann ist es gut, zur Konzentration auf die Atmung zurückzukehren.
Manchmal ist der Geist gut konzentriert. Manchmal ist der Geist befreit.
In allen Fällen ist es wichtig zu erkennen, wo man sich befindet,
und vor allen Dingen sich an keinen besonderen Geisteszustand zu klammern.
Sobald man sich an einen Geisteszustand klammert, wird man von der Unbeständigkeit
gestört. Sehr schnell erscheinen Leiden und Bedauern. Am wichtigsten
in Zazen ist es zu erfahren, dass der Geist in der Tiefe nicht greifbar
ist, und so frei zu bleiben von jedem Erstarren.
Mondo
F: Wir haben über die Unbeständigkeit der
fünf Skandhas und über den Geist gesprochen. Ich habe mich gefragt:
Kann man auf die Frage eine Antwort geben, was den Buddhismus von einem
schlichten Nihilismus unterscheidet oder ist das nur durch die Erfahrung
zu beantworten?
RR: Die Antwort liegt nicht nur in der Erfahrung. Man
muß sehen, was der Buddhismus verneint, was er zurückweist:
Er weist die Täuschung zurück. Die Täuschung zurückzuweisen,
ist kein Nihilismus. Wenn man seine Wünsche für die Wirklichkeit
hält, wenn man möchte, dass die fünf Skandhas permanent
sind, wohingegen sie es nicht sind, und wenn dann jemand so klarsichtig
ist wie Buddha, der gesagt hat: Es gibt keine Beständigkeit.":
Wer ist dann nihilistisch, derjenige, der diese Illusion aufrecht erhalten
will, oder derjenige, der diese Illusion erhellen will? Wer ist dann deiner
Meinung nach der Nihilist?
F: Es ist dann nichts.
RR: Das ist nicht wahr. Es gibt nichts Beständiges.
Alles was geschaffen ist, alles, was geboren wird, hat ein Ende. Aber
das ist nicht die Verneinung der Existenz. Buddha war nicht Nihilist in
diesem Sinne. Er verneinte nicht die Existenz. Er kritisierte nur die
falsche Sichtweise hinsichtlich der Existenz, aber nicht die Existenz
als solche.
F: Gibt es eine geistige Realität?
RR: Das hängt davon ab, was du darunter verstehst.
Was möchtest du damit sagen?
F: (keine Antwort)
RR: Wenn du damit meinst, ob ein ewiger Geist existiert:
Nein. Aber wenn du danach fragst, ob der Geist existiert: Ja.F: In welchem
Skandha kann man das Hishiryo-Bewußtsein ansiedeln?
RR: Im fünften, im Bewußtsein. Aber das
ist ein besonderer Bewußtseinszustand. Das ist das Bewußtsein,
das sich mit der Wirklichkeit harmonisiert. Das heißt das Bewußtsein,
das auf nichts verweilt.
Bewußtsein ist immer Bewußtsein von etwas.
Das gilt auch in Bezug auf die vorige Frage. Es gibt kein Bewußtsein
außerhalb der Beziehung zu einem Bewußtseinsobjekt. Es gibt
also zum Beispiel ein Bewußtsein des Körpers, ein Bewußtsein
der Empfindungen, ein Bewußtsein der Gedanken, unserer Wünsche,
unserer geistigen Gebilde, unserer Wahrnehmungen.
Im Zazen ist man sich all dessen bewußt. Im Alltag
hat man die Tendenz, an Bewußtseinsobjekten zu haften, sich mit
ihnen zu verbinden. In dem Augenblick wird das Bewußtsein verstopft,
starr. In Zazen ist das Bewußtsein klar. Es ist klar, was geschieht.
Das Bewusstsein erhellt die anderen Skandhas, aber es identifiziert sich
mit nichts. Das ist der Sinn von Hishiryo. Hi" bedeutet darüber
hinaus", über jedes Stehenbleiben, über jedes Festhalten
hinaus. Frei.
Einverstanden? Wenn du nicht damit einverstanden bist,
dann mußt du es sagen.
F: Ist es möglich, einen Wunsch zu äußern?
RR: Ja.
F: Kann man Einnahme der Mahlzeiten weniger kurz gestalten?
RR: Geht es dir zu schnell?
F: Ja.
RR: Haben andere denselben Eindruck? (Es wird Zustimmung
geäußert.) Ja, ich bin damit einverstanden.
Aber betrachtet, warum ihr nicht genug Zeit habt. Ein
Grund kann sein, dass der Godo zuerst bedient wird. Daher werde ich vor
euch fertig. Und alles folgt meinem Rhythmus. Dann ist es natürlich
nicht gut. Der Service darf sich nicht nur auf den Godo konzentrieren,
er muß sich aufs Ganze konzentrieren. Ich bin damit einverstanden
zu warten, ich habe es nicht eilig. Es ist gut wenn der Service auch beachtet,
ob die anderen aufgehört haben zu essen, bevor er den nächste
Gang serviert.
Aber manche haben den Eindruck, sie hätten zuwenig
Zeit zum Essen, sind aber in Wirklichkeit nicht konzentriert. Sie nehmen
einen Bissen, schauen um sich herum und vergessen völlig, zu essen,
sind völlig in Gedanken verloren. Man kann ihnen dreimal so lange
Zeit geben, aber es wird nicht besser. Wenn man ißt, dann ißt
man nur. Es ist nicht erforderlich, mit höchster Geschwindigkeit
zu essen, sondern wirklich nur zu essen, nicht um sich herum zu schauen,
an nichts anderes denken. Dann wirst du feststellen, dass du selbst viel
mehr Zeit hast.
Das gilt auch für viele andere Aspekte des Lebens:
Man hat dort den Eindruck, nicht genug Zeit zu haben, aber oft nur deshalb,
weil man nicht genug konzentriert ist, weil man mehreres gleichzeitig
tut. Wenn man nicht auf eine Sache konzentriert ist, gelingt es einem
nicht, diese Sache zu Ende zu bringen. Man hat den Eindruck, einem fehle
die Zeit. Eine wesentliche Unterweisung des Zen besteht darin, sich auf
eine einzige Sache zur selben Zeit zu konzentrieren. Wenn man nur auf
eine Sache konzentriert ist, hat man viel mehr Zeit. Vergeudet eure Zeit
nicht!
29.5.00, 7.30 Uhr
Während Zazen ist man auf Haltung und Atmung konzentriert,
achtsam darauf zu beobachten, was auftaucht. Man lässt die gewöhnliche
geistige Aktivität los. Man denkt nicht mit seinem persönlichen
Bewusstsein. Man lässt alle Form dualistischen Denkens los und verwirklicht
das Hishiryo-Bewusstsein; jenseits von Denken und Nicht-Denken. So kann
man hier und jetzt die Befreiung erfahren. Nicht die Unterdrückung
der Phänomene, sondern einfach die Freiheit, die darin besteht, nicht
von ihnen abzuhängen, indem man nichts sucht, nichts zurückweist,
indem man sich mit nichts identifiziert. Das nennt man Praxis-Realisation,
die Erfahrung der Verwirklichung hier und jetzt. Das bedeutet nicht, dass
auf dem Weg des Zen, auf dem Weg Buddhas, das Nachdenken, das Analysieren
der Dinge zurückgewiesen wird, sondern nur: Die Zeit von Zazen ist
nicht die Zeit dafür.
Im Nirvana-Sutra sagt Buddha: Solange die Mönche
den Erwachens-Faktor des Erforschens entwickeln, kennen sie Fortschritt
und nicht Verfall." Erforschen bedeutet, tief die Unterweisung zu
untersuchen. Das bedeutet auch, sich selbst tief untersuchen. Das Dharma
als Leuchte nehmen, sich selbst seine eigene Leuchte zu sein. Das bedeutet:
selbst tief den Sinn des Dharma verstehen. Die Unterweisung und das eigene
Leben in Bezug zueinander setzen. Die Unterweisung nicht einfach als ein
Dogma akzeptieren, sondern sie im eigenen Erleben nachweisen. Das ist
der Gegenstand der Gespräche, die jeden Nachmittag während der
Vorbereitungszeit stattfinden.
Das Erforschen ist der zweite Faktor des Erwachens,
der von Buddha unterwiesen worden ist. Es ist auch der vierte Aspekt der
Praxis der Achtsamkeit: tief die fünf Aggregate erforschen. Sehen,
wie Anhaftung und Leiden ausgehend von diesen Aggregaten entstehen. Zum
Beispiel, wenn man sich mit seinem eigenen Körper identifiziert:
Wenn ich dieser Körper bin und dann dieser Körper krank wird,
werde ich völlig krank. Wenn mir klar wird, dass dieser Körper
eines Tages ein Leichnam sein wird, werde ich traurig und leide. Wenn
ich aber verstehe, dass dieser Körper nicht mir gehört, dass
es kein Ich, kein Ego in diesem Körper gibt, dann ist es möglich,
den Körper ohne Bedauern aufzugeben und ihn zum ganzen Universum
zurückkehren zu lassen, von dem er nie getrennt war.
So kann man auch mit allen anderen der fünf Seinsbestandteile
umgehen. Beobachten wir unsere Empfindungen, unsere Wahrnehmungen, unsere
Wünsche, unsere geistigen Erzeugnisse, unser Bewusstsein, werden
wir erkennen, wie sie Leiden verursachen, weil man sich ihnen verhaftet.
Aber diese Empfindungen, diese Wahrnehmungen, diese geistigen Gebilde,
dieses Bewusstsein sind nicht wir, sind nicht ich, bilden kein Ego. So
hören sie auf, uns im Rad der Konditionierungen zu halten.
Das Erforschen betrifft auch die Vier Edlen Wahrheiten
und die Hindernisse, sie zu verwirklichen. Unter diesen Hindernissen ist
das wichtigste der Glaube an ein Ich, an ein Selbst. Der wesentliche Punkt
der Erforschung ist es, uns von diesem Glauben zu befreien, diese Täuschung
zu dekonstruieren. Das ist die grundlegende Bedeutung der Unterweisung
der fünf Seinsbestandteile. Diese Untersuchung darf also nicht das
Ego verstärken. Es ist nicht wichtig, dass man zeigt, dass man etwas
besser verstanden hat als die anderen.
Ein anderes wichtiges Hindernis ist die Skepsis, der
ständige Zweifel. Manchmal ist der Zweifel wichtig. Man muss bis
zum Ende des Zweifel gehen, den Zweifel auflösen; zu einer authentischen
Erfahrung der Wahrheit gelangen.
Ein anderes Hindernis ist der Glaube daran, dass man
sich mit Hilfe von Ritualen und Regeln reinigen kann.
In der Praxis des Weges ist es wichtig, dass es eine
Zeit zum Nachdenken gibt, eine Zeit des Erforschens. Zeit zum Denken.
Zeit zum Nichtdenken. Zeit, um jenseits von Denken und Nicht-Denken zu
sein. Diese Zeit ist die Zeit von Zazen.
29.5.00, 16.30 Uhr
Im Nirvana-Sutra sagt Buddha: So lange die Mönche
den Faktor des Erwachens "Bemühung" entwickeln, kennen
sie den Fortschritt, nicht den Verfall." Bemühung bedeutet auch
Energie, die Energie, die man empfängt und für die Praxis des
Weges nutzt. Alle Aspekte der Praxis haben diese Energie nötig. Man
braucht diese Bemühung, diese Energie, um morgens aufzustehen und
zum Zazen zu gehen, um die Haltung einzunehmen, um die Praxis auch dann
fortzusetzen, wenn man müde ist oder Knieschmerzen hat. Man braucht
diese Energie, um Samu zu praktizieren, man braucht diese Energie, um
bis ans Ende jeder Praxis zu gehen, nicht anzuhalten, nicht mutlos zu
werden, z.B. um bis ans Ende des Nähens eines Rakusus oder Kesas
zu gehen. Am Ende ist das immer etwas schwierig: Man wird ungeduldig,
möchte, daß es bereits beendet ist.
Oft kommen Anfänger ins Dojo. Für sie ist
alles neu und interessant. Nach ein oder zwei Jahren haben sie sich an
alles gewöhnt. Dann bedarf es einer besonderen Anstrengung, um über
diese Phase hinaus zu gehen. Das gilt auch für die Vorbereitungszeit
eines Sesshin: Die ersten zwei Tage ist man in Form, am dritten Tag ist
man ein bißchen müde. Wenn man darüber hinweg gegangen
ist, findet man frische Energie, die Praxis wird wieder einfach.
Um diese Schwierigkeiten zu überwinden, bedarf
es einer Bemühung, um nicht aufzuhören. Wenn man aufhört,
bedauert man es später. Wenn man lernt, die Schwierigkeiten zu überwinden,
freut man sich hinterher. So wie wenn man einen Berg besteigt: Es gibt
Augenblicke, in denen man entmutigt, müde ist; wenn man aber auf
den Gipfel kommt und der Horizont breitet sich aus, kann man große
Freude empfinden. Das ist mit der Bemühung verbunden. Wenn man einen
Sessellift nimmt, empfindet man nicht dieselbe Freude.
Die rechte Bemühung ist der sechste der acht rechten
Wege. Er ist für die Praxis der sieben anderen Wege erforderlich.
Ursprünglich besteht er darin, ein Hindernis für das Auftauchen
der Bonnos zu sein, zu verhindern, dass sie auftauchen. Das bedeutet,
dass man sich ab dem Zeitpunkt, zu dem ein Bonno auftaucht, bemüht,
es sich nicht entwickeln zu lassen. Wenn z.B. ein Gedanke von Eifersucht
auftaucht, wird man sich dessen schnell bewußt, und man kann vermeiden,
in einen Eifersuchtswahn zu gelangen. Wenn man aber dieses Bonno sich
entwickeln läßt, überschwemmt es zunehmend unser ganzes
Leben. Wie wenn man eine brennende Zigarette in einem Wald sieht: Wenn
man sie sofort auslöscht, wenn man sie sieht, bedarf es nur geringer
Anstrengung, man kann sie mit dem Fuß austreten. Wenn man nicht
handelt, brennt nach einer halben Stunde der Wald. Dann bedarf es hunderter
von Feuerwehrleuten. Die Anstrengung, die dann erforderlich ist, ist viel
größer.
Es ist also wichtig. wachsam zu sein und die Gefahr
auftauchen zu sehen, sie sich nicht entwickeln lassen. Wenn man sich z.B.
ein bißchen wütend fühlt, sollte man schnell den Geisteszustand
wechseln, etwas anderes denken, einen wohlwollenden Gedanken anstelle
des wütenden Gedanken setzen. Das ist ein gutes Heilmittel und verlangt
nicht viel Energie. Aber wenn man die Wut Macht über uns gewinnen
läßt, werden unser Körper und unser Geist von Wut erfüllt.
Man wird seiner Umgebung gegenüber aggressiv, spricht harte Worte
und die andern sind auch verstimmt. Konflikte treten auf, die die Wut
nähren. Das wird wie ein Waldbrand. So enden kleine Konflikte manchmal
in Kriegen.
Die rechte Bemühung besteht auch darin, die Bonnos
loszuwerden, wenn sie bereits aufgetaucht sind. Dafür bedarf es einer
bestimmten Bemühung, einer bestimmten Energie. Am wenigsten Energie
bedarf es, mit Weisheit die Leerheit seiner Bonnos zu erkennen, die Leerheit
ihrer Objekte, die Leerheit des Egos, die ihr Anlass ist. Wenn diese Methode
keinen Erfolg hat, kann man einen Gegenpol zu den Bonnos entwickeln. Wenn
man z.B. spürt, dass man immer gieriger wird, ist es ein guter Gegenpol,
die Praxis des Fuse zu entwickeln. Das bedarf größerer Energie,
ist aber ebenfalls sehr wirkungsvoll. Wenn man sich immer wütender,
aggressiver, ungeduldiger werden sieht, ist es ein gutes Gegenmittel,
Mitgefühl, Wohlwollen zu entwickeln.
Der dritte Aspekt der rechten Bemühung ist es,
günstige Geisteszustände erscheinen zu lassen, das Gegenteil
der Bonnos. Z.B. ist es eine gute Praxis, für jemanden der lügt,
der gerne Geschichten erzählt, sich darum zu bemühen, immer
möglichst genau die Wahrheit zu sagen, die rechten Worte zu finden.
Der vierte Aspekt der Bemühung schließlich
ist es, die günstigen Geisteszustände zu vervollkommenen. Wenn
man z.B. die Qualität der Bemühung entwickelt hat, besteht ihre
Vervollkommnung darin, das Bemühen zu praktizieren, ohne ein Resultat
erreichen zu wollen. Sich einfach bemühen, das zu praktizieren, was
richtig ist, ohne irgend etwas zu erwarten. Das ist die Vervollkommnung
der Bemühung. In dem Augenblick ist die Bemühung keine Bemühung
mehr. Sie wird Praxis-Realisation.
Mondo
F: In meiner Gruppe ging es heute nachmittag unter
anderem darum, dass aus der Veränderung des Körpers Leid entsteht.
RR: Aber nicht immer, oder? Manchmal führen Veränderungen
auch zum Wohlbefinden: Wenn man viel gemacht hat, müde ist und schlafen
geht, dann hat das als Veränderung zur Folge, dass man sich am nächsten
Tag wohl fühlt. Es ist nicht so, dass Veränderungen immer nur
Schlechtes bewirken. Veränderung kann auch das Bessere herbeiführen.
Wenn man krank ist und gesund wird, geht es einem besser.
F: Meine Frage geht in die Richtung dessen, was du
jetzt gesagt hast: Es werden Therapien oder Wege entwickelt, ewig jung
und schön zu bleiben, um diese Veränderung zu vermeiden. Aber
letzten Endes wird das Problem des Leidens dadurch nur verschoben. Auf
der anderen Seite ist aus diesem Antrieb heraus auch viel in der Welt
passiert. Meine Frage geht dahin, ob das Leiden nicht eine Grundvoraussetzung
ist, sich weiter zu entwickeln? Dein Kusen eben ging ja auch in diese
Richtung.
RR: Ja. Sich des Leidens bewusst zu werden ist oft
der Ausgangspunkt eines Wunsches nach Veränderung, der Suche nach
einem Heilmittel. Wenn man versteht, dass die Ursachen nicht in einem
Zufall begründet liegen oder es sich um Pech handelt, sondern dass
wir für das, was geschieht, einschließlich der Krankheiten,
auch einen Großteil Verantwortung tragen - denn Körper und
Geist sind voneinander abhängig - in dem Augenblick kann ein Unfall,
eine Krankheit, ein Leiden Quelle einer spirituellen Revolution werden.
Auch der Tod: Wenn z.B. Leute, die eine Vor-Tod-Erfahrung machen, nicht
wirklich sterben, verändert diese Erfahrung häufig ihren Geist.
Sie haben den Tod berührt. Dann entwickelt sich ein bißchen
der Geist Buddhas, Bodaishin: Die Leute werden großzügiger,
mitfühlender, sie führen ein sinnvolles Leben. Zuerst schmerzhafte
Dinge wie eine Krankheit oder ein Unfall, der uns in Todesnähe bringt,
können zu einer spirituellen Revolution führen.
Aber das hängt natürlich davon ab, wie man
reagiert. Wenn zum Beispiel Leute, die sich des Alterns bewußt werden,
statt sich die Frage zu stellen Wie nutze ich die mir verbleibende
Zeit am besten, ohne diese kostbare Zeit zu verlieren?", Gymnastik
oder Aerobic machen und Medikamente schlucken, um die Zellen zu erneuern,
wenn sie nur auf diese Hilfsmittel zurückgreifen, lösen sie
überhaupt nicht die Wurzel des Leidens: die Unbeständigkeit.
Ich glaube, es macht keinen Sinn, lange leben zu wollen,
wenn es nur darum geht, ein dummes Leben führen zu wollen. Dann ist
es besser, ein kurzes, aber tiefes Leben zu führen: Ein einziger
erwachter Tag ist wertvoller, als 80 Jahre als Idiot gelebt zu haben,
glaube ich. Auch deshalb ist die Sterbebegleitung sehr wichtig. Oft denkt
man: Ach, diese Person hat einen tödlichen Krebs und in einem
Monat wird sie tot sein. Da kann man nichts machen, das lohnt sich doch
nicht mehr." Und man gibt sie auf. Aber während dieses Monats
kann sich vielleicht eine spirituelle Revolution für diese Person
vollziehen, an einem Tag oder in einer Stunde, die einem ganzen Leben,
einer ganzen Existenz ihren Wert geben kann.
F: Auf der anderen Seite: Könnte ich dann sagen,
dass ich den Weg nur authentisch praktizieren kann, wenn ich entsprechend
viel Leid erfahren habe?
RR: Nicht unbedingt. Das erinnert mich an die Einstellung
von schlechten Pferden. Das ist eine Parabel Buddhas: Es gibt vier Sorten
von Pferden, sagt Buddha: Solche, die schon dann zu laufen anfangen, wenn
sie den Schatten der Peitsche sehen - das sind die besten Pferde. Es gibt
Pferde, die beginnen zu laufen, wenn sie den Schlag der Peitsche spüren.
Andere laufen erst dann, wenn die Peitsche in ihr Fleisch eindringt. Und
andere laufen erst dann, wenn die Peitsche den Knochen berührt. Das
sind die schlechtesten Pferde. Das heißt: das sind Leute, die erst
dann den Weg praktizieren, wenn sie im Sterben liegen. Sie verlieren ihre
ganze Zeit und sagen sich erst im Augenblick des Todes: Ah, jetzt
muß ich anfangen zu praktizieren." Oder Leute, die erst dann
beginnen zu praktizieren, wenn sie großes Leid verspüren. Aber
wenn man eine gute Intuition hat, bedarf es keiner großen Krankheiten
oder der Todesnähe, um die Absurdität des Lebens und des Leidens
zu verstehen, das damit verknüpft ist, dass man nur materielle Ziele
verfolgt. Man braucht nicht in Todesnähe zu sein, um die Unbeständigkeit
zu verstehen. Man muss sein Leben nur einen Tag lang zu betrachten, um
es zu verstehen. Aber wenn einem die Intuition fehlt, bedarf es großer
Schocks, um das zu verstehen. Das hängt von der jeweiligen Person
ab. Nicht alle Leute kommen aufgrund eines großen Leidens zur Zazenpraxis.
Es gibt Leute, die intuitiv die Wichtigkeit verstehen, den Weg zu praktizieren.
Sogar bevor sie schwere Krankheiten bekommen.
F: Meine Frage ist vielleicht eher etwas trivialer
Natur: Ich habe, bevor ich mich ordinieren gelassen habe, geangelt. Ich
habe Fische getötet, um sie zu essen. Dürfte ich das heutzutage
noch?
RR: Wie du das möchtest. Aber wenn du diese Frage
stellst, dann vielleicht deshalb, weil du glaubst, dass das nicht richtig
ist. Hast du keine andere Möglichkeiten, dich zu ernähren?
F: Doch, selbstverständlich.
RR: So weit möglich, ist es besser, nicht zu töten.
Es ist nicht so, dass Fische nicht leiden, weil sie nicht schreien. Wenn
du also sensibel für das Leid anderer bist, ist es nicht mehr möglich
zu angeln. - Aber du kannst fortfahren zu angeln, weil das eine gute Konzentrationspraxis
ist. Wenn du einen Fisch fängst, dann nimmst du ihn ganz sorgfältig
von dem Angelhaken herunter und wirfst ihn wieder ins Wasser. So erziehst
du auch die Fische! (Gelächter)
30.5.00, 7.30 Uhr
Während Zazen besteht die rechte Bemühung
darin, all unsere Energie darein zu legen, mit unserem ganzen Körper
zu praktizieren. Nicht nur halb zu praktizieren, sondern all seine Energie
der Praxis zu geben. Im Japanischen nennt sich diese rechte Bemühung
shojin. Sho bedeutet rein" oder unvermischt". Die
reine Bemühung ist die Bemühung, in die keine einzige persönliche
Absicht gemischt ist. Es ist keine Bemühung, um Macht zu erlangen,
um reich zu werden, um Verdienste zu erlangen. Es ist die Bemühung
um den Weg selbst, ein Fuse für den Weg. Das bedeutet, dem Weg zu
erlauben, sich in unserer Praxis zu aktualisieren. Diesen Weg teilen wir
mit den anderen. So wird shojin zur reinen Bemühung. Sie besteht
darin, den Weg mit den anderen und für die anderen zu praktizieren,.
Jin heißt auch Fortschritt, ständig voranschreiten.
Shojin ist die Bemühung, die uns ständig voranschreiten läßt.
Wenn man etwas entschieden hat, geht man nicht mehr dahinter zurück.
Wenn man sich zum Beispiel entschieden hat, mit dem Rauchen aufzuhören,
geht man nicht mehr hinter diese Entscheidung zurück. Wenn man sich
entschieden hat, täglich Zazen zu praktizieren, macht man diese Praxis
weiter. Manche kommen drei Monate regelmäßig ins Dojo, dann
verschwinden sie. Sechs Monate später tauchen sie wieder auf. So
machen sie das jedes Jahr. Meister Deshimaru nannte sieSaisonmönche",
wie Saisongemüse. Das ist nicht Shojin.
Wenn man die Unbeständigkeit versteht, wenn man
Mujo tief empfindet, hat man keine Lust, seine Zeit zu verlieren. Man
konzentriert sich auf das Wesentliche. Shojin wird natürlich, indem
man alle seine Energie auf die Praxis konzentriert.
Wenn man versteht, daß man nicht getrennt von
allen Wesen ist, kann man keine Bemühung unternehmen, die nur auf
einen selbst gerichtet ist. Die Bemühung, die man unternimmt, um
den Weg zu praktizieren, ist die Bemühung des Bodhisattva, der alle
Wesen mit sich zieht. Aber diese Bemühung muß im Gleichgewicht
sein, darf keine Folter werden. Sie darf auch nicht lediglich das Ergebnis
von Willensanstrengung sein. Wenn man sein Leben zu sehr mit dem Willen
kontrollieren möchte, gibt es einen Teil von einem selbst, der nicht
folgen möchte, der Widerstand leistet. Das schafft einen Zwiespalt,
eine Spannung. Wenn wir uns an das Ergebnis unserer Praxis, unseres Handelns
klammern, ist diese Anhaftung etwas, das zuviel ist. Wir werden immer
wieder gestört, wenn das Ergebnis nicht so ausfällt, wie wir
es uns vorgestellt haben.
Wenn man zum Beispiel anderen helfen möchte, ist
es sehr schwer, anderen zu helfen. Wenn sie sich nicht so entwickeln,
wie man sich das vorstellt, leidet man darunter. Denn die Anhaftung an
das Ergebnis ist zuviel. Man kann nur mit Mushotoku helfen: Wir machen,
was recht ist, das Ergebnis ist jenseits unserer Kontrolle. Wir geben,
was wir geben können, das Ergebnis ist jenseits unserer Kontrolle.
Wir helfen, wo wir helfen können, das Ergebnis ist jenseits unserer
Kontrolle. Wir machen einfach das, was in unserer Macht steht. So wie
in der Zazen-Praxis: Man kann sich auf die Haltung konzentrieren, auf
die Atmung, wir können unsere Gedanken vorüberziehen lassen,
aber das Satori liegt jenseits unserer Kontrolle. Man kann es nicht erfassen.
Wenn man so praktiziert, wird der Geist geschmeidig. Wir geben uns der
Praxis hin, die jenseits unseres Selbst, jenseits unseres Willens, jenseits
unserer Bemühung ist.
Im Katholizismus ist z.B. das Gebet eine bedeutende
Praxis. Oft möchte man im Gebet mit Gott in Kontakt treten, man möchte
von Gott etwas erhalten, mit Gott in Kommunion sein. Aber Gott ist jenseits
der Kontrolle der Geschöpfe, man kann ihn nicht nach seinem Willen
manipulieren. Man kann sich nur Gott hingeben, damit sein Wille geschehe.
Im Zen gibt man sich Zazen hin, dem Zazen, das letztlich
jenseits unserer Kontrolle ist. Wenn man das akzeptiert, wird Zazen selbst
Satori, das Aufgeben all unserer Anhaftungen unseres kleinen Egos. So
wie Dogen es im Shobogenzo Shoji sagt: "Es ist wie in das Haus Buddhas
eintreten und seiner Leitung folgen." Ohne persönliche Bemühung,
ohne persönliches Wollen können all unsere Anhaftungen und geistigen
Erzeugnisse aufgegeben werden. Man kann das Erwachen natürlich und
unbewußt verwirklichen.
30.5.00, 16.30 Uhr
Gestern nachmittag fragte jemand im Mondo, ob man notwendigerweise
leiden müsse, um die Gelegenheit zu haben, in den Weg einzutreten.
Obwohl der Weg Buddhas seinen Ursprung in der Bewußtwerdung des
Leidens hat, gibt es auf dem Weg keine Zufriedenheit mit dem Leiden. Leiden
ist nicht nur nicht notwendig, es ist darüber hinaus das, wovon man
sich heilen muß. Ein melancholischer, trauriger, dunkler Geist ist
ein Hindernis auf dem Weg. Freude ist demgegenüber einer der sieben
Faktoren des Erwachens.
Deshalb sagt Buddha im Nirvana-Sutra: Solange
die Mönche den Faktor des Erwachens "Freude" entwickeln,
kennen sie den Fortschritt und nicht den Verfall." Freude ist oft
das, was man empfindet, wenn man Zazen zu praktizieren beginnt. Man hat
den Eindruck, nach einer langen Reise zurück nach Hause zu kommen
und sich schließlich an dem Ort zu finden, an dem man in Einklang
mit seiner wahren Natur sein kann; dort, wo es nicht mehr erforderlich
ist, auf der Suche nach etwas anderem umherzuirren. Wenn man den gierigen
Geist fallen lassen kann, der ständig von einem Objekt zum anderen
geht, und wenn man versteht, dass es, um wirklich glücklich zu sein,
nicht vieler Dinge bedarf, kann man große Freude empfinden. - Wie
jemand, der, nachdem er lange durch die Wüste geirrt ist, eine Oase
findet.
Freude taucht auf, wenn man das Gefühl hat, endlich
den Weg entdeckt zu haben, den Weg, der es ermöglicht, uns von allen
Leidensursachen zu befreien, indem wir die wirkliche Bedeutung unserer
Existenz erkennen. So wird der Geist leicht. Man spürt, dass man
das Gewicht aller vergangenen Konditionierungen fallen lassen kann. Dafür
genügt es, sich einfach auf die Praxis eines jeden Augenblicks zu
konzentrieren, ohne etwas anderes zu erwarten.
Es ist auch eine große Freude, diese Praxis mit
anderen zu teilen. Man kann alle möglichen Arten von egoistischen
Vergnügungen finden, aber Freude ist niemals egoistisch. Freude ist
ein Gefühl, das uns jenseits unserer selbst trägt. Es ist diese
Freude, die Buddha empfand, als er den Morgenstern sah und sagte: Ich
habe das Erwachen mit allen Wesen des Universums erlangt."
Selbst wenn die Praxis ab und an der Bemühung
bedarf: Wenn man die Freude an der Praxis empfindet, kann sogar die Bemühung
frei praktiziert werden. Das geschieht, wenn unsere Praxis nicht mehr
von uns selbst, von unserem eigenen Ego gelenkt wird, sondern von Buddha,
von Zazen, von dem Zazen, das das Zazen Buddhas ist, das in sich selbst
Verwirklichung ist.
Im Leben kann man alle möglichen Arten von Vergnügen
erlangen, wenn es einem gelingt, einen Wunsch zu befriedigen. Freude aber
spürt man, wenn man über sich selbst hinaus getragen wird, über
das Ego hinaus, das hier und dort kleine Vergnügungen sucht, um zu
kompensieren, dass man das Wesentliche nicht verwirklicht hat. Freude
kommt auf, wenn man spürt, dass man in Kontakt mit dem Wesentlichen
steht. Dann ist nichts anderes mehr erforderlich. Alles ist da.
Selbst wenn man das Erwachen nicht völlig verwirklicht
hat, ist das Gefühl da, auf dem richtigen Weg zu sein. Meister Dogen
sagt: Das ist wie ein Pflaumenbaum, der blüht, während
der letzte Winterschnee fällt." Der Frühling ist noch nicht
gekommen, es ist noch kalt. Aber wenn man die Blüten des Pflaumenbaumes
sieht, spürt man eine neue, frische Energie und freut sich.
Mondo
F: Das war ein wunderschönes Kusen, eine wunderschöne
Ode an die Freude. Ist dann Liebe das gleiche wie Freude?
RR: Ja, wenn es wirkliche Liebe ist, wenn es die Liebe
ist, die uns über uns selbst hinaus trägt. Freude gibt uns immer
das Gefühl von Kommunion mit den anderen. Freude ist nie etwas egoistisches,
etwas nur für einen selbst. Vergnügen kann egoistisch sein,
Freude nicht. Liebe ist ein bißchen ambivalent. Es gibt sehr egoistische
Formen von Liebe, wo man glaubt zu lieben, aber nicht wirklich liebt,
sondern sich selbst liebt und den anderen zu seiner Befriedigung benutzt.
Darin kann es keine Freude geben. Aber wenn Liebe wirkliches Teilen ist,
ist sie auch Freude.
Dogen sagt: Freude ist sich völlig den anderen
gegenüber öffnen und der Wunsch, den anderen zu helfen: Mitgefühl."F:
Gibt es bei all der Unbeständigkeit eine absolute, eine grundlegende
Realität? Und wenn ja: Wie kann ich die unter all den Realitäten
finden, die ich um mich herum im wechselseitigen Agieren und Reagieren
bilde?
RR: Indem du verstehst, dass die letzte Wirklichkeit
genau das ist. Man glaubt immer, dass eine Realität hinter der Realität
besteht, irgend etwas, was hinter den Phänomenen existiert. Aber
in Wirklichkeit sind die Phänomene die Realität. Das bedeutet,
die wirkliche Natur der Phänomene zu erkennen. Die Unbeständigkeit,
unsere Wechselbeziehung mit dem ganzen Kosmos ist die Realität. Aber
das möchte man im allgemeinen nicht akzeptieren, man sucht also immer
nach einer Wirklichkeit dahinter. Und deshalb leidet man unter den Phänomenen,
schlägt sich ständig mit ihnen herum und ist im Konflikt. Wenn
man aber die Unbeständigkeit als Unbeständigkeit akzeptieren
kann, als wirkliche Buddhanatur, wenn man die völlige wechselseitige
Abhängigkeit des ganzen Kosmos als unsere wirkliche Buddhanatur,
als unsere wirkliche Realität akzeptieren kann, kann man sich mit
dieser Realität harmonisieren und dieses täuschende Ego aufgeben,
das eine feste Realität hinter dem Ganzen finden möchte.
F: Ich denke, dass ich das, was du jetzt gesagt hast,
im naturwissenschaftlichen Sinn einigermaßen nachvollziehen kann.
Das ist mir plausibel. Aber im Alltag bilde ich ja ständig neue Realitäten
in Interaktionen. Z.B. spreche ich mit H-J über ein Thema und irgendwie
sehe ich das dann durch diesen Kontakt. Dann spreche ich mit M über
dasselbe Thema: ein anderer Kontakt, und ich sehe etwas ganz anderes.
Was ist es denn nun?
RR: Das ist die Wirklichkeit. Die Realität hat
keine Realität. Es gibt keine Substanz in der Realität. Man
funktioniert in der wechselseitigen Beziehung, es gibt nichts als die
wechselseitige Beziehung, das ist die einzige Realität. Je nachdem,
welche Wechselbeziehungen du schaffst, schaffst du auch eine andere Wirklichkeit.
Das ist die ewige Realität. Das ist immer und überall so.
F: Das erschreckt mich.
RR: Ja, das macht Angst. Wenn man sich dem widersetzt,
ist das die Haltung des Ego. Man hat Angst und versucht, eine imaginäre
Wirklichkeit zu schaffen, die man fassen möchte.
F: Das genau will ich ja nicht.
RR: Dann höre auf, Angst zu haben. Es ist deine
Furcht, die dich diese falschen Wirklichkeiten erschaffen lässt.
Die Realität ist nicht schrecklich.
F: Was mir Angst macht ist nicht das, was da ist, sondern
dass ich dann irgendwann den Bezug verliere.
RR: Das ist nicht möglich. Du bist nur Beziehung.
F: Ja, aber das ist jetzt die Beziehung, die ich von
anderen übernommen habe, oder ist das ...
(lange Pause)
RR: Das verstehe ich jetzt nicht. Die Beziehung ist
eine Wechselbeziehung: Die Beziehung kommt nicht nur von den anderen,
es ist die Begegnung. Es gibt keine Beziehung ohne Begegnung. Das kommt
nicht nur von den anderen: Das kommt von dir und den anderen, von den
anderen und dir.
Was passiert hier im Augenblick in dieser Beziehung?
Für dich?
F: Ich bin frustriert, weil ich nicht genau ausdrücken
kann, was ich eigentlich sehe.
RR: Was möchtest du also lieber: jetzt aufhören,
nachdenken und dann wiederkommen?
F: Ja.
RR: Das ist also für dich eine sehr wichtige Frage.
Das ist wie ein Koan, das mußt du vertiefen, ihm auf den Grund gehen.
Wenn man auf den Grund derartiger Fragen geht, kann man das Erwachen verwirklichen.
Was macht uns Angst? Was läßt uns leiden? Wenn man es auf eine
andere Art und Weise betrachtet, wenn man die Blickweise ändert,
wird es auf einmal Quelle von Befreiung. Grundsätzlich, indem man
die Wirklichkeit akzeptiert. Das war der Sinn des Herangehens von Buddha:
Aufhören, imaginäre Wirklichkeiten zu schaffen, und die Wirklichkeit
so zu sehen, wie sie ist. Das ist der Sinn unserer Praxis.
F: Noch einmal zu der letzten Realität: Der Zweifel,
der bleibt, resultiert vielleicht aus dem Ansatz, aufgrund dessen man
zu dem Schluß kommt, dass es keine letzte Realität gibt. Man
zerlegt die Persönlichkeit in die fünf Skandhas und stellt fest:
Da gibt es keine Substanz, also gibt es nichts darüber hinaus."
Das ist ein bißchen so, als wenn man einen Fernsehapparat nimmt
und ihn zerlegt. Man sieht die elektrischen Bauteile, den Bildschirm,
die Antenne, aber keinen Film.
RR: Das ist nicht wahr. Wenn man den Knopf drückt,
ist der Film da. Wenn man die fünf Aggregate sieht, bedeutet das
nicht, dass die Existenz verschwindet, aber man kann die Existenz anders
sehen. Wenn man sich das Fernsehgerät genau ansieht, sagt man: Ach
ja, ich sehe das Bild, weil ein Fernseher da ist, weil es Wellen gibt."
Man sieht das Fernsehgerät als Fernsehgerät. Das unterdrückt
nicht das Fernsehen. Das Fernsehen existiert. Theater auch. Aber wenn
du nachts in deinem Zimmer aufwachst und der Fernseher läuft, und
du siehst eine Szene auf dem Bildschirm, du bist nicht ganz wach und glaubst,
das wäre die Wirklichkeit, dann kannst du völlig verwirrt sein.
Dann stutzt du und sagst: Was ist hier eigentlich los?" und
dir wird klar: Ach ja, das ist einfach nur das Fernsehen."
Das heißt nicht, dass es nicht existiert. Dein Blick ändert
sich in dem Augenblick.
F: Ich meine das Bild mit dem Fernsehen etwas anders.
RR: Dann sage, was du sagen möchtest.
F: Ich möchte sagen, dass die Reduktion auf gewisse
Komponenten nicht notwendigerweise heißt, dass die Summe nicht mehr
als die Einzelteile ist.
RR: Das ist wahr. Natürlich ist die Gesamtheit
mehr als die Einzelteile. Aber die Bedeutung der Unterweisung Buddhas
bezüglich der fünf Skandhas ist es nicht, zu sagen: Es
gibt keine menschlich Person." Sie besteht aus diesen fünf Bestandteilen,
und es ist klar, dass diese fünf Skandhas, die zusammenwirken, mehr
sind als einfach nur die Summe der einzelnen Teile. Aber dieses Mehr ist
einfach die Wechselbeziehung. Das heißt nicht, dass es hinter den
fünf Skandhas eine Wirklichkeit gibt, sondern dass die fünf
Skandhas, die zusammen funktionieren, eine Wirklichkeit formen, die das
Rad des Lebens ist.
Deswegen habe ich dir gesagt, als du dieses Thema für
die Gesprächsrunde gewählt hast: Es ist nicht gut, nur
über die fünf Skandhas zu reden und das nur aus dem Gesichtspunkt
der fünf Skandhas zu sehen", denn das ist eine analytische und
statische Sichtweise. In Wirklichkeit funktionieren die fünf Skandhas
auf dynamische Weise zusammen, in den zwölf Gliedern des abhängigen
Entstehens, im Rad des Lebens. Diese gemeinsame Funktionsweise ist mehr
als die einzelnen Bestandteile. Aber das bedeutet nicht, dass es ein Wesen
hinter den fünf Skandhas oder hinter dem Lebensrad gibt. Einverstanden?
F: (Stille)
RR: Aber wenn du dort etwas findest, sage es mir. (Gelächter)
30.5.00, 20.30 Uhr
Zu Beginn des Zazen ist es besser, statt zu gähnen,
zwei- oder dreimal tief einzuatmen. Man atmet ein, man atmet bis ganz
in die Tiefe aus. Das erfrischt den Geist und erneuert die Energie. Man
entspannt gut das Sonnengeflecht. Dann folgt man seinem natürlichen
Atemrhythmus. Man ist einfach achtsam und geht bis ans Ende der Ausatmung.
31.5.00, 7.30 Uhr
Konzentriert euch ab Beginn des Zazen vollständig
auf eure Haltung. Legt eure Aufmerksamkeit und Energie in die Körperhaltung.
Streckt gut die Lenden, die Wirbelsäule, den Nacken. Zieht gut das
Kinn zurück. Stoßt mit der Schädeldecke in den Himmel
und drückt mit den Knien in die Erde. Konzentriert euren Geist auf
den Daumenkontakt, horizontal, ohne Spannung.
Im Nirvana-Sutra sagt Buddha: Solange die Mönche
den Faktor des Erwachens "geistige Konzentration" entwickeln,
kennen sie den Fortschritt und nicht den Verfall."
Im Alltag ist man oft zerstreut. Man ist damit beschäftigt,
mehrere Dinge zugleich zu tun, hat viel Streß. Während eines
Sesshins kann man zur Konzentration auf eine einzige Sache zurückkehren.
Eine Sache in einem Augenblick, das ist Konzentration. Völlig eins
zu sein mit dem, was man in jedem Augenblick tut. Wenn man in Zazen sitzt,
ist man völlig eins mit der Haltung, nichts anderes. Die Haltung
wird das Zentrum unserer Existenz hier und jetzt, und immer wieder kehrt
man zu diesem Zentrum zurück. So hört der Geist auf, geteilt
zu sein. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die Unterscheidungen der
Zeit sind aufgegeben. Es existiert nur das Jetzt der Praxis. Selbst wenn
Gedanken bezüglich der Vergangenheit oder zukünftiger Vorhaben
auftauchen: Man betrachtet sie nur einen Augenblick lang und lässt
sie vorübergehen. Diese Gedanken gelangen nicht ins Zentrum unserer
Praxis, das Zentrum bleibt frei. Gedanken sind wie Wolken, die über
den Berg hinweg ziehen. So beruhigt sich die geistige Aufgeregtheit und
der Geist wird klar.
Aber selbst an diese Ruhe, an diese Klarheit klammert
man sich nicht. Denn wenn der Geist sich wieder über etwas schließt,
verschwindet die Konzentration und es gibt erneut ein Ich, das sich an
etwas klammert, es gibt eine neue Dualität und der wirkliche Zustand
der Konzentration, das wirkliche Samadhi verschwindet.
Als Buddha Shakyamuni erzählte, wie er in der
Nacht, in der er das Erwachen erlangt hat, die Meditation, Zazen, praktiziert
hat, zeigte er ganz deutlich auf, wie er alle Zustände überwunden
hat, ohne in einem einzigen zu verweilen. Seine Meditation bestand darin
aufzugeben, ständig loszulassen, shin jin datsu raku zu praktizieren.
Wenn man alle Wünsche, etwas zu erhalten, alle Formen von Hass und
Feindschaft, einschließlich der Ablehnung der eigenen Täuschung,
die Aufgeregtheit, die Schläfrigkeit, die Zweifel, die verschiedenen
geistigen Aktivitäten, wie die Analyse, das Nachdenken aufgibt, wenn
man sich all dem nicht verhaftet, begegnet einem große Freude, großes
Glück. Aber selbst an diese Freude und an dieses Glück klammert
man sich nicht. Schließlich bleibt nur ein klarer Geist, aufmerksam,
in Frieden.
So hat Buddha die wahre Natur der Dinge verwirklichen
können. So konnte er zur allerhöchsten Weisheit erwachen. Das
bedeutet, sich selbst tief verstehen, die tiefe Natur seiner Existenz
verstehen. Das Leben verstehen, so wie es ist. Dann hat Buddha 45 Jahre
damit zugebracht, dies zum Ausdruck zu bringen; in der Form der vier Edlen
Wahrheiten, der fünf Skandhas, der zwölf Glieder wechselseitiger
Abhängigkeit, des achtfachen Pfades. Verschiedene Formen von Weisheit
sind aufgetaucht, der klare Geist des Samadhi von Zazen. Jeden Tag machte
er Zazen, jeden Tag praktizierte er dieses Samadhi, insbesondere bevor
er zu seinen Schülerinnen und Schülern sprach. Alles, was man
seine Sutren nennt, ist aus diesem Samadhi heraus entstanden. Seine letzte
Unterweisung - wie die letzte Unterweisung Meister Deshimarus - besteht
darin, die Praxis dieses Samadhi ewig fortzusetzen, als Quelle unseres
wahren Lebens, unseres Lebens im Einklang mit der kosmischen Ordnung,
mit dem Dharma.
31.5.00, 16.30 Uhr
Zur Zeit wird être Zen" (Zen sein)
als eine sehr wünschenswerte Seinsform angesehen. In Frankreich ist
das ein Eigenschaftswort geworden. Selbst wenn die Leute dieses Wort nur
oberflächlich benutzen und selbst keine Erfahrung mit Zen haben,
macht diese Mode ein grundlegendes spirituelles Bedürfnis deutlich.
Es ist das Bedürfnis nach Gelassenheit und Gleichmut. Dies sind die
beiden letzten Faktoren des Erwachens, von denen Buddha im Nirvana-Sutra
spricht. Er sagt: Solange die Mönche den Erwachensfaktor "Gelassenheit"
entwickeln, solange sie den Erwachensfaktor "Gleichmut" entwickeln,
kennen sie den Fortschritt und nicht den Verfall."
Gelassenheit ist der spirituelle Frieden, der einsetzt,
wenn man aufhört, seinen Bonnos zu folgen, wenn man aufhört,
von ihnen abzuhängen, und wenn man aufhören möchte, irgend
etwas zu ergreifen oder zurückzuweisen. Das bedeutet, unmittelbar
mit jedem Kampf aufzuhören. Das ist die grundlegende Haltung des
Geistes in Zazen. Das bedeutet, nicht seinem eigenen Ego zu folgen, nicht
von ihm abzuhängen. Realisieren, dass unser wirkliches Selbst jenseits
von uns ist; dass es sowohl vertraut, in unserem Herzen ist, untrennbar
von uns, ohne Zwiespalt, als auch zugleich völlig jenseits der Idee,
die wir uns von uns selbst machen, jenseits aller Bilder, die wir von
uns selbst haben, jenseits all unserer geistigen Verstopfungen, die unser
kleines Ego ausmachen.
Wenn man das realisiert, kann man über sich selbst
hinaus gehen, nicht in sich selbst verschlossen bleiben und so über
die Trennung zwischen einem selbst und den anderen hinaus gehen. Dann
ist es nicht mehr nötig, eifersüchtig oder neidisch zu sein
oder Ambitionen zu haben, sich über andere erheben zu wollen. Wenn
man all dies fallenlässt, ist der spirituelle Frieden nicht nur eine
innere Erscheinung, sondern auch der Friede, der sich zwischen einem selbst
und den anderen einstellt.
Was die Gleichmut anbetrifft: Das wird manchmal mit
Indifferenz gleichgesetzt. Es bedeutet aber natürlich nicht, indifferent
gegenüber dem Leiden anderer zu sein, sondern indifferent gegenüber
Gewinn und Verlust, was unser eigenes Ego anbetrifft, indifferent gegenüber
Ehrung und Verachtung, nicht an seiner Stellung, an seinem Rang haften.
Aber auch indifferent angenehmen oder unangenehmen Empfindungen gegenüber.
Das ist viel schwieriger. Solange man angenehmen Empfindungen hinterherläuft
und sie steigern möchte, solange man vor unangenehmen Empfindungen
davonläuft und sie zu unterdrücken sucht, ist man niemals in
Frieden und vermehrt die Ursachen von Leiden.
Eine grundlegende Einstellung des Zen seinem eigenen
Leiden gegenüber ist die Entdramatisierung, die Fähigkeit, in
der Lage zu sein, über sich selbst zu lachen.
Bezüglich der Gleichmut sagt Meister Tozan: Was
ich auch sage, akzeptiert es nicht!" Das heißt: Lasst euch
von den anderen nicht mißbrauchen. Das heißt nicht, dass man
die Unterweisung Buddhas oder Tozans nicht anhören sollte. Das heißt
auch nicht, dass man sie nicht studieren und praktizieren sollte, sondern
dass man sie nicht akzeptieren sollte, ohne sie erfahren zu haben, ohne
sie verstanden, ohne sie assimiliert zu haben. Das ist eine wichtige Bedingung
für die Gleichmut. Denn wenn man den Meinungen anderer anhängt,
ohne selbst die Erfahrung gemacht zu haben, spürt man einen Konflikt
zwischen dem, was man erfährt und der Unterweisung, die man erhält.
Dieser Konflikt führt zu Spannungen, manchmal zu Schuldgefühlen.
Um wirklich Gleichmut zu verwirklichen, ist es wichtig,
selbst zur Quelle der Unterweisung Buddhas zurückzukehren und sie
so mit Vertrauen zu praktizieren, mit ungeteiltem Geist. Mit einem Geist,
der in Einheit mit der Praxis jeden Augenblicks ist. Das bedeutet mit
Vertrauen.
Mondo
F: Du hast gestern von der Freude gesprochen. Ich bin
mir nicht ganz sicher, ob ich alles richtig verstanden habe. In meinem
Leben habe ich durch die Übung von Zazen eine Freude kennengelernt,
die ich so noch nie erfahren habe. Ich stelle aber trotzdem fest, dass
diese Freude oft von Traurigkeit begleitet wird. Traurigkeit darüber,
dass so viele da sind, die diese Freude nicht kennen. Oder auch gleichzeitig,
dass ich einsam bin. Mit Menschen, die diese Freude nicht kennen, kann
ich sie nur sehr schwer teilen.
RR: Die Traurigkeit, die du empfindest, ist der Schmerz
des Bodhisattva. Das kann ein gutes Stimulans werden, um den anderen zu
helfen, die gleiche Erfahrung kennenzulernen.
Traurigkeit und Leiden sind selten eine positive Motivation.
Sie können ein Stimulans sein. Aber wenn du den anderen wirklich
helfen willst, kannst du das nicht, wenn du selbst traurig bist. Es ist
also wichtig, über diese Traurigkeit hinauszugehen. Dafür ist
es wichtig, nicht ungeduldig zu sein. Das heißt: die Wirklichkeit
so zu akzeptieren, wie sie ist.
Freude ist unbeständig. Selbst bei uns. Es gibt
Leute, die in einem bestimmten Augenblick große Freude empfinden,
in der Praxis von Zazen, in der Betrachtung der Natur oder in der Liebe.
Aber zur gleichen Zeit verspüren sie Traurigkeit, nicht nur weil
sie denken, dass nicht alle Leute diese Freude empfinden können,
sondern auch, weil sie empfinden, dass diese Freude in sich selbst unbeständig
ist. Es ist also wichtig, sich nicht an diese Freude zu klammern. Sie
willkommen heißen, wenn sie kommt, aber nicht sich an sie zu klammern.
Deshalb sagt Buddha, wenn er von seiner Zazen-Praxis spricht, dass er
die Freude kennengelernt hat, dass er aber über sie hinaus gegangen
ist. Die letzte Etappe in der Praxis von Zazen ist die Gleichmut. Jenseits
von Freude und Trauer, jenseits seiner Gefühle.
Was das Teilen angeht, nicht nur der Freude, sondern
grundlegend der Befreiung, dafür bedarf es, das habe ich schon gesagt,
großer Geduld. Wir sind nicht allmächtig, wir haben keine magischen
Kräfte. Und selbst diejenigen, die magische Kräfte hatten oder
sehr stark waren, wie Buddha selbst, haben es schließlich nicht
geschafft, alle Menschen zum Erwachen zu bringen. Nicht einmal alle, die
mit Buddha zusammen waren, sind erwacht. Als man ihm die Frage stellte,
warum das so sei, sagte er: Das ist normal. Ich kann nur den Weg
zeigen. Ich habe nicht die Macht, die anderen zu erwecken. Jede, jeder
muß sich selbst erwecken. Wenn sie dem Weg folgen, den ich zeige,
erlangen sie ohne Zweifel das Erwachen. Aber wenn sie es nicht gut praktizieren,
wenn sie sich in der Richtung irren, können sie das Erwachen nicht
realisieren." Selbst Buddha kann dann nichts machen, du auch nicht.
Es ist wichtig, das zu akzeptieren. Die Weitergabe der Unterweisung vollzieht
sich in unbegrenzter Zeit. Sie ist nicht auf unsere aktuelle Existenz
begrenzt. Die Perspektive von Bodhisattvas sind Millionen von Kalpas,
da bedarf es einer großen Geduld.F: Was ist deiner Meinung nach
die buddhistische Sicht des Unbewussten?
RR: Das ist eine sehr tiefe Sicht. Viel tiefer und
älter als die Sichtweise Freuds. Sie besteht darin, dass wir sehen,
dass wir Erben unseres Karmas sind. Nicht nur des Karmas seit unserer
Geburt, sondern seit unbegrenzter Zeit. Deshalb ist das Unbewußte
aus Sicht Buddhas viel weiter als das Freudsche Unbewußte. Es ist
nicht nur, dass wir uns nicht unseres eigenen Ödipus-Komplexes bewußt
sind, sondern wir sind uns aller Ursachen unbewußt, die wir in der
Vergangenheit hervorgerufen haben. Sie sind wie Samen geworden, die im
Unbewußten vorhanden sind. Eines Tages erzeugen diese Samen Auswirkungen.
Eine der wichtigen Funktionen von Zazen ist, diesen Samen zu erlauben,
sich zu reinigen. Alle unbewußten Ursachen und Bedingungen im Bewußtsein
auftauchen zu lassen, indem man nicht versucht, sie zu unterdrücken.
Gedanken, Wünsche, Gefühle, die unbewusstesten und die geheimsten,
mit dem Hishiryo-Bewußtsein von Zazen zu erhellen. Das heiß
mit einem Bewußtsein, das nicht verurteilt, das die Dinge so sieht,
wie sie sind.
F: Und was ist die buddhistische Sicht von Träumen?
RR: Träume sind eine spezielle Art von Illusionen.
Man kann sagen, sie sind sogar der Prototyp von Täuschung. Die meisten
unserer Träume sind, wie Freud es sagte, Ausdruck unserer unbewußten
Wünsche. Oft sieht man die Wirklichkeit durch seine Wünsche
hindurch, wir nehmen die Wirklichkeit durch unsere Wünsche hindurch
wahr. Das heißt, wir leben wie in einem Traum. Man hält sich
z.B. für etwas, während man in Wirklichkeit nichts ist. Das
ist der größte Traum, die größte Täuschung.
In der Praxis des Weges Buddhas betrachtet man alle Dinge, alle Erscheinungsformen
als Träume. Erwachen bedeutet, aus diesen Träumen heraustreten.
Es gibt also keinen Unterschied zwischen den Nachtträumen und den
Täuschungen im täglichen Leben. Das ist ungefähr das gleiche.
Sowohl nachts als auch tagsüber ist man sich nicht bewußt,
dass man träumt.
Wir werden hier aufhören. Es gibt während
des Sesshins noch ein oder zwei Mondos.
Aber ich möchte euch jetzt eine Frage stellen.
Ich möchte wissen, wie ihr diese fünf Tage mit den Gesprächsgruppen
gelebt habt. Wie habt ihr das erlebt? War das eine gute Erfahrung? War
das interessant? Sollen wir das in Zukunft fortsetzen? Hat dazu jemand
eine Meinung? Möchtet ihr etwas dazu sagen?
A: Es war wichtig, dass es einen Rahmen gibt, wo man
außerhalb des Schweigens die Möglichkeit hat sich auszutauschen.
Mir hat es geholfen, obwohl ich viel über den Buddhismus lese. Es
war gut, das in disziplinierter und strukturierter Form im Austausch mit
anderen zu vertiefen. Ich fände es gut, wenn das weitergeht.
A: Ich würde es auch gerne fortsetzen. Zum einen
aus den selben Gründen, die eben genannt wurden. Aber ich würde
noch hinzusetzen, dass es die Menschen, die in der Gruppe zusammen sind,
auch ein bißchen näherbringt, sie mehr voneinander erfahren
als abends beim Rotwein. Das ist eine gute Ergänzung.
A: Was mir gut gefallen hat, ist, dass es in einem
kleinen, geschützten Rahmen stattfand, wo es auch möglich war,
persönliche Erfahrungen auszutauschen und anhand von lebensnahen
Beispielen die buddhistische Lehre gegenseitig zu unterweisen.
A: Gerade für mich als Anfänger war es sehr
wichtig. Ich habe gelernt und es hat die ganze Sache ein bißchen
abgerundet.
A: Ich fand es besonders gut, dass du in den Kusen
auf das, was in unseren Gesprächen Thema war eingegangen bist.
RR: Im Kusen oder im Mondo?
A: Für mich waren es die Kusen.
RR: Das ist also eine Kommunikation I shin den shin,
denn ich habe ja an euren Gesprächen nicht teilgenommen.
A: Aber es hat viele Dinge geklärt und eine sehr
ruhige Atmosphäre geschaffen.
A: Ich fand es wichtig, dass man seine Gedanken auch
verbal ausdrückt, sie nicht irgendwie konfus im Kopf hat, sondern
konkret darstellt in einer Form, in der die anderen sie auch verstehen.
Dadurch versteht man auch selber besser.
A: Diese Gespräche sollten wir einmal im Jahr
fortführen. Gut war, dass sich das gegenseitige Erklären der
Unterweisung Buddhas so auch viel leichter in die äußere Welt
hinein nehmen lässt.
A: Für mich war es sehr wichtig zu hören,
wie die anderen denken, und meine Gedanken auch zu äußern.
A: Ich fand es sehr schön, dass wir im Anschluß
gleich Zazen gemacht haben, sodass man kaum Zeit hatte, den Geist zu zerstreuen.
So konnte ich all die Dinge, die mich berührt haben, sofort in Zazen
mit einbeziehen. Für mich wurde klar, dass das, was die anderen berührt,
auch mich selber berührt.
A: Für mich war es wichtig, so konzentriert reden
und auch gut zuhören zu können.
A: Es war auf jeden Fall gut, hinterher die Möglichkeit
zu haben, Fragen die sich zugespitzt hatten, ins Mondo einzubringen.
RR: Wir werden also all eure Meinungen berücksichtigen
und dafür sorgen, dass das im nächsten Jahr wieder stattfinden
kann.
2.6.00, 7.00 Uhr
Konzentriert euch während Zazen voll auf eure
Haltung. Legt alle eure Aufmerksamkeit und Energie auf die wichtigen Punkte
der Haltung. Neigt gut das Becken nach vorn, drückt gut mit den Knien
auf den Boden, entspannt gut den Leib und laßt gut das Körpergewicht
auf das Zafu drücken. Streckt ausgehend von der Taille die Wirbelsäule.
Entspannt gut die Verspannungen des Rückens, streckt die Wirbelsäule
und den Nacken, so als wolltet ihr mit der Schädeldecke in den Himmel
stoßen. Entspannt gut die Schultern. Das Kinn ist zurückgezogen,
der Kopf neigt sich nicht nach vorne. Es ist wichtig, eine starke Energie
im Nacken zu spüren. Aber zur gleichen Zeit darf die Haltung nicht
rigide werden. Konzentriert euch darauf, die richtige Körperspannung
zu finden, weder zu angespannt noch zu entspannt. Entspannt gut den Kiefer
und die Stirn; auch der Blick ist entspannt. Er fixiert nichts Besonderes.
Man sieht, ohne zu betrachten, ohne Absicht. So wird der Blick weit, ist
nicht auf einen Gegenstand begrenzt.
Auch der Geist verweilt nicht auf einem Gedanken. Er
läßt sich nicht von den Gedanken vorantreiben. Er bemüht
sich aber auch nicht, sie auszurotten. Man gibt allen Kampf und jede Absicht
auf. So kehren die Gedanken auf natürliche Weise von selbst zu ihrem
Ursprung zurück, das heißt zur Leerheit. Wenn man sie nicht
nährt, haben sie keine Substanz. Auch wenn man sie nährt, haben
sie keine Substanz, aber man glaubt, sie hätten eine und man klammert
sich an sie.
Konzentriert euch gut auf die Ausatmung, atmet langsam
und tief aus. Drückt am Ende der Ausatmung gut die Eingeweide nach
unten. So findet eine Dehnung unterhalb des Nabels statt, dort, wo die
Hände in Kontakt mit dem Unterbauch sind. Es ist wichtig, diese Energie
des Hara, des Kikai tanden zu stimulieren. Normalerweise ist die Energie
eher im Kopf oder im Solarplexus, dem Bereich der Emotionen. In Zazen
konzentriert man seine Energie unterhalb des Nabels. Das erlaubt es, die
geistige Aktivität und die Gefühle zu beruhigen. So kann man
das Gleichgewicht wiederfinden, einen festen Geist.
Dieser feste Geist ist es, den man das Samadhi von
Zazen nennt. Es ist wie das Wasser an der Oberfläche des Meeres,
wenn der Wind aufgehört hat zu wehen: Die Wellen beruhigen sich,
das Wasser wird klar bis in die Tiefe. Das Wasser spiegelt die ganze Welt
wie ein weiter Spiegel. In diesem Spiegel kann man die Wirklichkeit so
sehen, wie sie ist. Nicht durch unsere gedanklichen Erzeugnisse hindurch.
Die Konzentration von Zazen ermöglicht es somit,
zu sehen und die Intuition zu entwickeln. Intuition heißt: direkt
sehen, nicht durch Vernünfteleien hindurch. Wenn diese Konzentration
sich im Alltag fortsetzt, ermöglicht dies, das Dharma zu praktizieren,
ohne es zu verfälschen. Wenn man nicht die Kraft der Konzentration
entwickelt, bleibt das Verstehen oberflächlich, selbst wenn man zu
einem gewissen Verständnis des Buddhismus, des Zen gelangt, und es
gelingt ihm nicht, unser Leben umzuformen. Aber wenn das Verstehen durch
die Konzentration hindurch geschieht, können wir durch unser ganzes
Wesen hindurch verstehen, durch Körper, Geist, durch Bewußtes
und Unbewußtes, und sich mit dem harmonisieren, was wir verstanden
haben. Und es wirklich praktizieren, ohne es zu verfälschen.
Dies ist einer der wesentlichen Punkte der Praxis während
des Sesshin: Verständnis und Praxis durch den ganzen Körper
zu vertiefen. Das ist die Bedeutung von se in Sesshin. Se kommt von setsu.
Setsu bedeutet vertraut werden mit, in intimem Kontakt sein mit".
Deshalb sagte Dogen: Die Kraft des Samadhi ist wie ein Kind, das
seine Mutter umarmt: Die Mutter, die das Kind umarmt, ist wie das Kind,
das das Kind umarmt, und die Mutter, die die Mutter umarmt." Das
heißt: jenseits jeder Dualität, ohne Trennung.
Zieht gut das Kinn zurück, laßt den Kopf
sich nicht nach vorne neigen.
2.6.00, 11 Uhr
Die Kusen seit Beginn der Vorbereitungszeit basieren
auf dem Nirvana-Sutra, das die letzten Unterweisungen Buddhas wiedergibt.
Als er achtzig Jahre alt war, spürte er, dass sein Ende nahe war.
Also unternahm er eine letzte Reise bis nach Kushinagara. Im Verlauf dieser
Reise hat er seine Schüler und Schülerinnen die Essenz dessen
unterwiesen, was er während seines ganzen Lebens gelehrt hatte. Das
Sutra ist also eine Zusammenfassung der wesentlichen Punkte des Dharmas
Buddhas.
Während der Vorbereitungszeit haben wir seine
Unterweisungen hinsichtlich der sieben Faktoren des Erwachens untersucht.
Buddha hatte zu seinen Mönchen gesagt: Solange die Mönche
die Faktoren des Erwachens Achtsamkeit, Untersuchung, Bemühung, Freude,
Heiterkeit, Konzentration und Gleichmut entwickeln, kennen sie den Fortschritt
und nicht den Verfall."
Er sagte dann: Ich unterweise euch sieben weitere
Bedingungen des Nicht-Verfalls." Zunächst: "Solange die
Mönche die Wahrnehmung der Unbeständigkeit entwickeln, kennen
sie den Fortschritt und nicht den Verfall." Die Wahrnehmung der Unbeständigkeit
war der Ausgangspunkt seiner religiösen Suche. Das wird im Zen Bodaishin
genannt wird, der Geist des Erwachens, der Geist Buddhas.
Wenn wir die Unbeständigkeit, Mujo, wahrnehmen,
können wir spüren, dass wir keinen der Gegenstände unseres
Begehrens bewahren können, dass wir, wenn wir unser Glück, unseren
Lebenssinn darauf aufbauen, dass wir uns an verschiedene Gegenstände
klammern, notwendigerweise leiden müssen. Denn dann ist unser Geist
nicht im Einklang mit der kosmischen Ordnung. Da man die kosmische Ordnung
nicht ändern kann, können wir einzig unsere Sichtweise umformen.
Das ist der Sinn unserer Praxis des Weges.
Wenn man Mujo tief wahrnimmt, ist es nicht mehr möglich,
an irgend etwas zu haften. Unser eigener Körper verändert sich
unablässig. Man kann nicht vermeiden zu altern, krank zu werden und
eines Tages zu sterben. Bestimmte Personen, bestimmte Schüler haben
nach dem Tod von Meister Deshimaru mit der Praxis von Zazen aufgehört,
so als wären sie enttäuscht, dass die Zazenpraxis ihn nicht
unsterblich gemacht hat.
Als der Buddha achtzig Jahre alt war und erkrankte,
wurden auch einige seiner Schüler traurig und ängstlich, zum
Beispiel Ananda. Aber Buddha nutzte seine Krankheit, um seine Schüler
und Schülerinnen zu erziehen. Er sagte ihnen: Ich habe euch
immer gesagt, dass der Körper unbeständig ist. Ich bilde keine
Ausnahme. Meine Krankheit bestätigt das, was ich euch immer schon
gelehrt habe. Vergeudet nicht euer gegenwärtiges Leben. Praktiziert
den Weg, bevor es zu spät ist. Nicht um zu verhindern, dass man krank
wird, nicht um nicht zu sterben, sondern um von allen Anhaftungen frei
zu werden."
Die Schüler und Schülerinnen Buddhas, die
seine Unterweisungen gut verstanden hatten, zum Beispiel Mahakashyapa,
waren, als Buddha krank wurde und später starb, nicht hoffnungslos
oder traurig, sondern sind heiter geblieben. Das bedeutet, dass sie nicht
mehr von der Person Shakyamunis abhingen, dass sie tief den Sinn seiner
Unterweisungen verstanden hatten, seine Praxis, die jenseits von ihm selbst
war.
Jedem und jeder, die diese Lehre studiert und praktiziert
erlaubt sie, jenseits ihrer selbst zu sein, nicht dem kleinen Ego verhaftet
zu sein. Im Angesicht der Unbeständigkeit müssen wir den Weg
praktizieren, als wollten wir ein Feuer auf unserem Kopf löschen;
ohne einen einzigen Augenblick zu verlieren. Um zu lernen, uns schließlich
mit der Unbeständigkeit in Einklang zu bringen. Um zu lernen, einen
Geist anzunehmen, der nirgends verweilt, sich mit nichts identifiziert.
Alles, was eine Geburt hat, hat notwendigerweise einen
Tod. Alles, was auftaucht, muss notwendigerweise verschwinden. Die einzige
Weise nicht zu sterben besteht darin, nicht geboren zu werden. Aber weil
es nicht in unserer gegenwärtigen Macht liegt, nicht geboren zu werden,
können wir uns nur mit dem, was geboren ist, nicht identifizieren.
Das heißt zu verstehen, dass in unserer Geburt kein Ego geboren
wird, sondern unser Ego einfach die Ansammlungen der fünf Skandhas
ist und der vier Element, der vier Elemente aus denen sich das ganze Universum
zusammensetzt.
Wenn man das tief begreift, wenn man es mit seinem
ganzen Sein, mit Körper und Geist, annimmt, kann man das verwirklichen,
was Buddha Nicht-Geburt nannte. Das bedeutet auch den Nicht-Tod: Das,
was nicht geboren wird, stirbt nicht. Das, was man nicht mit seinen gewöhnlichen
Geist, mit Worten fassen kann, ist die Wirklichkeit, die alle Religionen
suchen. Man nennt es Gott, Nirvana, Buddha-Geist. Man kann es aber nur
verwirklichen, wenn man den dualistischen Geist aufgibt, der uns die Unbeständigkeit
ablehnen und die Ewigkeit, das Nirvana, wünschen lässt. Diesen
dualistischen Geist aufzugeben ist die Essenz der Praxis von Zazen. Man
nennt es das Hishiryo-Bewusstsein. Jenseits von Denken und Nicht-Denken.
2.6.00, 16.30 Uhr
In der Fortsetzung des Nirvana-Sutra sagt Buddha: Solange
die Mönche die Wahrnehmung des Nicht-Selbst entwickeln, kennen sie
Fortschritt und nicht Verfall."
Wie entwickelt man diese Wahrnehmung des Nicht-Selbst?
Indem man Zazen praktiziert, seinen Blick nach innen richtet. Indem man
sich selbst kennenlernt. Indem man mit seinem Körper, mit seinen
Empfindungen vertraut wird. Manchmal ist es zu kalt, manchmal ist es zu
warm, und das ist unangenehm. Indem man mit seinen Wahrnehmungen vertraut
wird. Man betrachtet seine geistigen Erzeugnisse, seine Gedanken, seine
Wünsche. Man ist sich all dieser Phänomene von Augenblick zu
Augenblick bewußt. In keinem von ihnen kann man ein Selbst finden.
Als Buddha den fünf Asketen seine zweite Predigt
hielt, sagte er, darüber habe ich bereits auf dem Sesshin in Aachen
gesprochen: "Wenn Körper, Gefühle, Wahrnehmungen, die geistigen
Gebilde oder das Bewußtsein das Selbst wären, dann wären
wir nicht Krankheiten unterworfen, und man hätte die Möglichkeiten,
sie zu lenken. Sie stünden unter unserer Kontrolle. Aber dies ist
nicht der Fall. Darüber hinaus ist jedes dieser Aggregate unbeständig
und wird so Gelegenheit von Leiden. Was unbeständig und Ursache von
Leiden ist, kann nicht Quelle des wirklichen Selbst sein. Davon kann man
nicht sagen: 'Das bin ich.' oder 'Dies ist mein Selbst.'"
Zazen praktizieren erlaubt es, sich dessen bewußt
zu werden, sich von den Anhaftungen an seinen Körper, an seine Empfindungen
zu befreien, aufzuhören zu glauben 'Das bin ich.', 'Dies ist mein
Ego.' - Aber selbst wenn man das denkt, wenn man denkt 'Dies ist mein
Ich.' 'Dies ist meine Persönlichkeit.', sind diese Gedanken Teil
unserer mentalen Produkte. Das heißt, sie sind Teil eines der Seinsbestandteile,
diese Vorstellung selbst ist also unbeständig, ohne etwas Festes.
Wenn man sich so kennenlernt, kann man lernen sich
zu vergessen, aufhören sich mit seinen gedanklichen Konstrukten zu
identifizieren, aufhören sich in einer begrenzten Sicht seines Selbst
einzuschließen. Sich auf diese Weise selbst vergessen und die Täuschungen
fallen lassen, die man bezüglich seiner selbst hegt, bedeutet durch
die Praxis von Zazen befreit zu werden.
Am Ende dieser Unterweisung Buddhas heißt es,
dass es sechs Erwachte in dieser Welt gab: Shakyamuni und die fünf
Asketen.
Genauso war es bei Dogen: Als er während Zazen
Nyojo sagen hörte: Zazen ist Körper und Geist aufgeben."
verschwanden alle seine Zweifel und er erwachte völlig. Er verwirklichte
dieselbe Befreiung wie sein eigener Meister Nyojo, wie alle Buddhas und
Patriarchen, die ihm vorangegangen waren.
Mondo
RR: Wenn ihr eine Frage habt, dann zögert nicht,
sie zu stellen.
F: Wie kann ich die Empfehlung Buddhas, ohne Ziel zu
sein, mit dem vereinbaren, was heute im normalen Berufsleben gefordert
ist, wo ich ja sogar häufig dazu angehalten werde, mir ein Ziel konkret
vorzustellen, es zu visualisieren.
RR: Wer sagt dir das?
F: Man hört das sehr häufig. Ich lese es
sehr häufig, kriege es auf irgendwelchen Fortbildungsveranstaltungen
um die Ohren gehauen.
RR: Während Zazen ist es wirklich sehr wichtig,
keine Ziele zu haben, um so eine reine Praxis ohne Dualität zu haben,
um wirklich zur Einheit von Hier und Jetzt zurück kommen. Wenn man
in der Praxis ein Ziel hat, wenn es eine Spannung auf etwas anderes hin
gibt, wird die Praxis des Hier und Jetzt gegenüber einem Ziel entwertet,
das man später erlangen möchte. Damit die Praxis also wirklich
Befreiung wird, ist es wichtig, jedes Ziel, sogar die Ziele Nirvana oder
Satori aufzugeben. Das ist die absolute Dimension von Zazen.
Im Alltag muß man selbstverständlich Ziele
haben. Dann muß man das aber so verstehen, dass die Ziele nicht
egoistisch sein dürfen. Es gibt zwei Bedeutungen von Mushotoku. Einmal:
überhaupt kein Ziel." Das ist die absolute Dimension von
Mushotoku, das ist Zazen. Aber im Alltag heißt es, kein egoistisches
Ziel haben, kein selbstbezogenes Ziel. Das bedeutet: Wenn du handeln musst,
dann frage dich, ob das Ergebnis deiner Handlungen Wohltaten oder Leiden
hervorrufen wird. Und konzentriere dich darauf, so zu handeln, dass deine
Ziele Wohlbefinden bei anderen herbeiführt. Das ist die Unterweisung
Buddhas auf den Alltag bezogen.
Im Alltag muß man auswählen und sich entscheiden:
Mache ich es so oder mache ich es so? Handele ich oder nicht?"
Dazu bedarf es eines Kriteriums. Das Kriterium kann nicht das Nicht-Ziel
sein. Das Kriterium können die Auswirkungen sein. Man muß die
Weisheit haben, die es uns ermöglicht, die Auswirkungen zu verstehen,
die sich ausgehend von unserer Handlung entwickeln werden. Man konzentriert
sich auf die Handlungen, die gute Ergebnisse herbeiführen werden.
Das unterwies Buddha z.B. in seiner Belehrung seinem
Sohn Rahula gegenüber. Auch Meister Deshimaru lehrte das. Er sagte:
Gewöhnliche Menschen haben alle möglichen kleinen Wünsche,
kleine Ziele. Ein wirklicher Mönch hat ein großes Ziel, ein
großes Bedürfnis: allen Wesen zu helfen zu erwachen."
Durch seine Handlungen dazu beizutragen, dass es allen Menschen gut geht
und sie das Erwachen erlangen. Mushotoku bedeutet nicht nur kein
Ziel", sondern kein egoistisches Ziel, kein Ziel für sich
selbst." Das bedeutet zu verstehen, dass man selbst und die anderen
völlig miteinander verbunden, nicht getrennt ist.
Nur selbstbezogene Ziele zu verfolgen entspricht nicht
unserer Wirklichkeit. Das entspricht unserer Täuschung. Wenn man
die Wirklichkeit unserer Abhängigkeit, unserer Wechselbeziehung mit
allen anderen versteht, wird es auf ganz natürliche Weise unser Ziel,
diese Einheit mit allen Wesen zu leben. Man ist also solidarisch, wohlwollend,
mitfühlend. Aber mit der Dauer der Praxis, wenn sie vertraut wird,
wenn sie zu dem wird, was unser Leben antreibt, ist es nicht mehr erforderlich,
dieses Ziel bewußt haben zu wollen. Dann braucht man nicht mehr
ununterbrochen zu denken: Wie kann ich allen Wesen helfen? Ist meine
Handlung selbstbezogen oder großzügig?" Mit der Praxis
fallen ganz natürlich und von selbst die selbstbezogenen Anhaftungen
ab.
Die Antwort auf deine Frage ist also, dass es ganz
natürlich und unbewußt wird, in einer rechten Weise im Interesse
aller Wesen zu handeln. Ohne dass es erforderlich ist, sich diese Frage
zu stellen. Denn es ist natürlicher Ausdruck der Verwirklichung.
Das heißt: Man kann gar nicht mehr anders handeln. Das geschieht
natürlich. Das ist das Ideal, dessen, was durch die Praxis geschieht,
wenn der Zazen-Geist wirklich unser Leben so beseelt, dass es nichts anderes
mehr gibt als Zazen, das unser Leben leitet. Solange man die Hälfte
der Zeit Zazen praktiziert und die andere Hälfte von seinem Karma,
seinem Ego konditioniert ist, muß man nachdenken.F: Ich habe eine
Frage bezüglich des Hannya Shingyo. Das Hannya Shingyo ist ein sehr
dichter und tiefer Text. Warum rezitieren wir ihn nur auf japanisch und
nicht in unserer Landessprache?
RR: Zunächst einmal, weil es auf einem Sesshin
Leute mit verschiedenen Muttersprachen gibt. Hier gibt es also Leute,
die würden es auf deutsch rezitieren, andere auf französisch,
andere auf flämisch. Auf der Gendronnière würden es Leute
gerne auf italienisch oder spanisch oder auf schwedisch rezitieren. Das
wäre etwas kompliziert.
Darüber hinaus: Selbst, wenn die Bedeutung des
Hannya Shingyo sehr wichtig ist und es wichtig ist, sie zu studieren und
auch die Kommentare von Meister Deshimaru zu studieren, so ist es dennoch
klar, dass man in dem Augenblick, in dem man es singt, man auf die Praxis
des Singens konzentriert ist. Diese Praxis des Singens ist eine Atempraxis.
Die Art und Weise, wie man singt, ist wichtig. Während man singt,
hat man nicht die Zeit über die fünf Skandhas, über die
Leerheit nachzudenken. Man ist einfach auf das Singen konzentriert.
Durch die Praxis der Konzentration auf das Singen,
vergessen wir völlig unsere gedanklichen Fabrikate, unseren trennenden
Geist, der immer etwas ergreifen möchte. In diesem Augenblick verwirklicht
sich der tiefe Sinn des Hannya Shingyos in der Praxis des Singens. Genauso,
wie es sich tief in der Praxis von Zazen verwirklicht. Wenn man völlig
auf die Haltung konzentriert ist, auf die Atmung, ist es nicht nötig,
an die fünf Skandhas, an die Leerheit, an die zwölf Glieder
der wechselseitigen Abhängigkeit zu denken. Man harmonisiert sich
natürlich mit mit der Leerheit. Durch die Praxis mit dem Körper
und der Atmung. Das ist letztlich am wichtigsten. Es ist nutzlos, eine
tiefe Analyse zu entwickeln, wenn man es nicht lebt, wenn man es nicht
tief durch seinen Körper realisiert.
Es gibt eine Zeit zum Nachdenken, zu Hause kannst du
die Kusen von Meister Deshimaru über das Hannya Shingyo lesen. Es
gibt auch eine Zeit, darüber zu sprechen, z.B. während der Gesprächsrunden
in der Vorbereitungszeit. Aber die Zeit von Zazen, die Zeit der Zeremonie
ist die Zeit der Praxis, Körper und Geist völlig eins: eins
mit der sitzenden Haltung von Zazen, eins mit dem Gehen beim Kinhin, eins
mit Sampai, wenn man Sampai macht, eins mit Gassho. Das ist am wichtigsten.
So wird die Praxis die Verwirklichung. Alle Sutren werden durch diese
Praxis verwirklicht.F: Wenn gedankliche Bilder, Illusionen, leer sind:
Was sagt Buddha zur Sprache, zu den Worten?
RR: Dazu hat er letztlich nichts gesagt. Er hat einfach
eine Blume genommen und sie gedreht. Das war seine Rede, seine tiefste
Rede, was die Sprache anbetrifft. Auch diese Geste führt zur Praxis
zurück. Das ist keine symbolische Geste. Das ist keine neue Form
von Sprache. Es gab Leute, die hinterher versucht haben zu analysieren,
was die Blume bedeuten sollte. Aber die Geste selbst ist völliges
Gewahrsein der Blume, so wie sie ist, kein analysieren: Ah, diese
Blume besteht aus fünf Elementen." Die Blume, einfach so wie
sie ist.
Genauso ist man während Zazen in völliger
Achtsamkeit, dessen gewahr, was im Augenblick ist. Die Achtsamkeit auf
die Blume, auf die Haltung von Zazen, auf die Atmung, die Achtsamkeit
auf das, was in diesem Augenblick auftaucht. Das ist die höchste
Praxis. Das ist jenseits jeder Sprache.
Alle Reden Buddhas, alle Sutren sollten zu dieser Erfahrung
hinführen. Gleichzeitig kann man sagen, dass alle seine Reden dieser
Erfahrung entstammen. Es gibt sogar ein Sutra, in dem er ganz speziell
über dieses Problem spricht. Ich empfehle euch, es zu lesen, es ist
sehr interessant. Es heißt Die ursprüngliche Ursache".
In diesem Sutra sagt Buddha: "Wenn ihr die Erde betrachtet, benennt
ihr die Erde. Ihr sagt: 'Das ist die Erde.' Später identifiziert
ihr euch mit diesem Wort und sagt sogar schließlich: 'Das ist meine
Erde.' Das ist der Beginn aller Täuschungen." Für Buddha
sind der Ursprung all unserer Täuschungen unsere geistige Fabrikationen,
die Tatsache, dass man Worte für Wirklichkeit nimmt. So als gäbe
es eine Substanz. Worte unterstützen das.
Buddhas Unterweisung bestand darin, diese Täuschung
zu dekonstruieren. Das ist ein sehr moderner Ansatz. Ewig, aber sehr modern.
Er hat also immer die Sprache relativiert. Er hat sie benutzt, aber nie,
um Konzepte zu erstellen, sondern immer, um auf eine Erfahrung jenseits
der Sprache hinzuweisen. Das ist auch der wesentliche Punkt der Weitergabe
des Zen. Deshalb sagt man im Zen, dass die Weitergabe von Meister zu Schüler
I shin den shin mit dieser Geste Buddhas begonnen hat: Buddha nahm die
Blume und drehte sie schweigend und Mahakashyapa lächelte.F: Warum
werden Anhaftungen im Buddhismus immer so negativ gesehen? Für mich
sind sie der Zucker des Lebens.
RR: Es gibt gute Anhaftungen: Es ist z.B. eine gute
Anhaftung, an der Praxis des Zazen zu haften, oder am Nähen des Kesas.
Uns an das zu klammern, was uns befreit, ist eine gute Anhaftung. Letztlich
ist das überhaupt keine Anhaftung, es bedeutet: sich konzentrieren
auf.
Im allgemeinen sagt man, Liebe sei eine Anhaftung.
Das stimmt, wenn es eine selbstbezogene Liebe ist. Wenn man den andern
egoistisch liebt, wird er zu einem Gegenstand, zu einem Werkzeug, mit
dem man sich selbst befriedigt, sich sichert, seine eigenen Bedürfnis
befriedigt. Das führt ganz automatisch zum Leiden. Ich glaube, darüber
brauche ich nicht viel zu sagen, damit du das verstehst. Du brauchst nur
deine eigene Erfahrung zu betrachten.
Aber wenn man diese Liebe umformen kann, wenn man daraus
eine großzügige, altruistische Liebe machen kann, eine Liebe
des anderen um des andern selbst willen, kann diese Anhaftung zur Nicht-Anhaftung
werden. Sie wird eine Form der Praxis des Weges.
Ich glaube, das ist eine sprachliche Frage: Wenn man
in der Unterweisung Buddhas, in der Unterweisung des Zen Anhaftungen kritisiert,
kritisiert man die Gier und den Hass, die Anhaftungen, die Leiden hervorrufen.
Aber sich auf das zu konzentrieren, was richtig ist, auf das, was Glück,
was Befreiung bringt, ist keine Anhaftung.
3.6.00, 7 Uhr
Kehrt während Zazen immer wieder zur Konzentration
auf eure Haltung zurück, insbesondere auf die Senkrechte eures Rückens.
Streckt von der Taille aus gut die Wirbelsäule, streckt den Nacken,
drückt mit der Schädeldecke in den Himmel und entspannt gut
die Schultern. Atmet tief ein und aus. Folgt eher eurer Atmung als euren
Gedanken.
Im Nirvana-Sutra sagt Buddha: Solange die Mönche
die Wahrnehmung der Unreinheit entwickeln, kennen sie den Fortschritt
und nicht den Verfall." Im Zen ist das, was man Unreinheit nennt,
Zenna, der Geist, der sich widersetzt, unterteilt, der Vorstellungen schafft
und sich dann an sie klammert. Diesbezüglich gibt es das berühmte
Mondo zwischen Eno und Nangaku. Nangaku kam zum ersten Mal zu Eno, und
der fragte ihn: Was kommt so?" Nangaku konnte nicht antworten.
Sieben Jahre lang war das sein Koan. Dann verstand er und kehrte zu Eno
zurück. Eno fragte ihn: Was hast du verstanden?" Zu
sagen, dass es etwas sei, beantwortet nicht die Frage," erwiderte
Nangaku.
Wenn man sich selbst in Zazen betrachtet, kann man
alle möglichen Gedanken auftauchen sehen: Wünsche, Bilder, Erinnerungen.
Aber alle diese geistigen Prozesse erscheinen wie im Traum. Wenn man sich
von einem seiner Gedanken trennt und sagt: Das bin ich", wird
unser Geist durch diese Vorstellung beschmutzt, wird begrenzt, gerät
in die Falle einer gedanklichen Konstruktion. Aber wenn man die Frage
offen lässt, ohne zu versuchen, mit Worten zu antworten, können
wir unsere wahre Buddhanatur erfahren.
Was ist das?
Selbst zu sagen, dass es jenseits von Worten und Vorstellungen
ist, beantwortet nicht die Frage. Wenn man sich auf die Haltung konzentriert,
auf die Ausatmung, lässt man alle seine Gedanken vorüberziehen.
Am Ende unser Ausatmung lassen wir all unsere Hirngespinste los. Der Geist
kehrt zu Ku zurück, das heißt zu nichts, ohne sich mit irgend
etwas zu identifizieren. Dann verwirklicht sich der Geist ohne Beschmutzung.
Ohne dass man sich bewusst ist, etwas Besonderes erreicht zu haben, nicht
einmal den Geist ohne Beschmutzung.
Das brachte Meister Deshimaru zum Ausdruck, wenn er
auf die Kyosakus maku moso kalligraphierte: Schafft keine Täuschung.
Klammert euch nicht an eure Verwirklichung. Denn wie Nangaku in der Fortsetzung
des Mondos mit Eno sagte: Es gibt die Praxis und es gibt die Realisation.
Aber sie dürfen nicht beschmutzt werden." Das heißt man
darf sich nicht an die Praxis klammern, um die Verwirklichung zu erlangen.
Man darf aus ihr keine Technik machen, um irgendwelche spirituellen Verdienste
zu erlangen. Wenn die Praxis ein Mittel wird, wird sie von unser Gier
beschmutzt, von spiritueller Gier.
Das wollte Buddha zum Ausdruck bringen, als er sagte:
Solange die Mönche die Wahrnehmung der Unreinheit entwickeln,
kennen sie den Fortschritt und nicht den Verfall." Er hat nicht von
der Entwicklung der Wahrnehmung der Reinheit gesprochen. Die Reinheit
muß nicht kultiviert werden. Der Geist ist ursprünglich rein.
Man muß einfach vermeiden, ihn zu beschmutzen; vermeiden, ihn durch
unsere Hirngespinste zu verdunkeln.
3.6.00, 11 Uhr
"Solange die Mönche die Wahrnehmung der Gefahr
entwickeln, kennen sie Fortschritt und nicht Verfall." Buddha sagt
nicht, um welche Gefahr es sich handelt. So wird dies ein gutes Koan:
Was für eine Gefahr?
Meister Deshimaru sagte uns immer wieder: "Der
wahre Weise meidet die Gefahr." Dazu ist es bereits erforderlich,
zu verstehen, was gefährlich ist, welche Situation, welches Verhalten
schlechte Auswirkungen hat. Was in unserem Leben schafft Leiden, für
uns und für andere? Was entfernt uns von der wirklichen Freiheit,
von dem wirklichen Glück? Was gefährdet das Leben der Menschheit?
Wenn man gut beobachtet, sieht man, dass das immer
wieder auf die drei Gifte zurückgeht, auf Gier, Haß und Verblendung.
Ob es sich um ökologische Bedrohungen handelt, um Bürgerkriege
oder zwischenstaatliche Kriege, ob es sich um Konflikte zwischen Individuen
handelt, Konflikte in Familien, in Paaren, in Gruppen, in Gesellschaften,
selbst wenn es sich um unsere eigenen inneren Konflikte handelt: Wenn
man sich das genau anschaut, handelt es sich letztlich immer um Gier,
Hass und Verblendung.
Die Wahrnehmung der Gefahr zu entwickeln führt
in der Tiefe dazu, die schnelle Wahrnehmung dieser drei Gifte zu entwickeln.
Es reicht nicht, sie wahrzunehmen, man muß sie auch vermeiden und
aufgeben. Das ist die nachfolgende Unterweisung Buddhas. Er sagt: "Solange
die Mönche die Wahrnehmung des Aufgebens entwickeln, kennen sie Fortschritt
und nicht Verfall."
Die Zazenpraxis besteht nicht darin, Verdienste anhäufen
zu wollen und besondere psychische Struktur und besondere Erfahrungen
zu erlangen. Es geht vielmehr darum, all das aufzugeben, was unsere wirkliche
Natur verdunkelt, was die Verblendung steigert. Das Herz der Zenpraxis
ist die Praxis des Aufgebens. Dies veranlaßte Meister Dogen zu sagen:
"Zazen praktizieren ist Körper und Geist aufgeben. Es ist nicht
erforderlich, Räucherwerk zu verbrennen oder den Namen Buddhas zu
rezitieren, sich asketische Übungen aufzuerlegen, nicht einmal, Sutren
zu rezitieren." Es geht einfach darum, sich auf die Zazen-Haltung
zu konzentrieren und alles andere aufzugeben, Körper und Geist aufzugeben
in die Praxis von Zazen Er fügte hinzu: "Wenn ihr entschlossen
Zazen praktiziert, voller Energie, dauerhaft, dann seid ihr auf natürliche
Weise von der Gier nach materiellen Besitztümern befreit, befreit
von sexueller Besessenheit, von Gier nach Nahrung, Ehren und auch nach
Schlaf."
Wenn Zazen unser Leben durchtränkt, hängen
wir viel weniger von all diesen Dingen ab. Sie sind nicht mehr so wichtig.
Dieses Aufgeben ist kein Verlust, sondern eine wirkliche Befreiung. Man
fühlt sich leichter. Es ist nicht nötig, unablässig hinter
irgend etwas herzurennen. Der Geist kann auf natürliche Weise friedlich
werden. Die Hindernisse für die Praxis vermindern sich.
Manchmal zeigen sich Begierde und Wut innerhalb von
Zazen selbst: Man strebt eine Position an, eine Verantwortlichkeit, manchmal
ist man wütend oder ungeduldig, wenn sich die Dinge nicht so entwickeln,
wie man es gerne hätte. Im allgemeinen deshalb, weil man Äste
und Blätter mit der Wurzel verwechselt. Man klammert sich an Organisationen,
Strukturen, statt sich auf seinen eigenen Geist zu konzentrieren.
So ist es in jedem Zazen wichtig, zur Wurzel zurückzukehren
und die Zazenpraxis nicht ihre eigenen Täuschungen schaffen lassen.
Das bedeutet, unaufhörlich zum Mushotoku-Geist zurückzukehren,
allen persönlichen Vorteil aufzugeben, sich nicht an seine persönliche
Stellung zu klammern und sich auch nicht an das Ergebnis von Handlungen
zu klammern. Einfach das tun, was in jedem Augenblick richtig ist. Ohne
irgend etwas Besonderes zu erwarten. In diesem Augenblick wird dieses
Aufgeben Verwirklichung, wirkliche Befreiung.
Meister Dogen hat seinen Meister bezüglich dieser
Unterweisung des Aufgebens von Körper und Geist, das von den Bonnos
befreit, gefragt: Sich so von Wünschen und Hindernissen befreien
zu wollen, bedeutet das nicht, der Unterweisung des kleinen Fahrzeugs,
des Hinayana, zu folgen?" Meister Nyogjo antwortete ihm: Die
Nachfolger Bodhidharmas dürfen nicht willkürlich die Unterweisung
des kleinen und des großen Fahrzeugs vermeiden. Wenn ein Schüler
die Unterweisungen Buddhas verrät, wie kann er sich ein Abkömmling
des Buddhas und der Patriarchen nennen?" Dogen fragte weiter: Aber
es gibt doch Leute, die das bezweifeln und sagen, daß die drei Gifte
selbst das Dharma Buddhas sind, daß die fünf Wünsche selbst
der Weg der Patriarchen sind?"
Das ist der berühmte Satz Bonno soku bodai.
Manchmal übersetzt man das mit 'Die Leidenschaften selbst sind das
Satori'. Viele Leute bedienen sich dieses Ausdruckes, um zu vermeiden,
irgend etwas aufzugeben. Sie sagen, Leidenschaften seien das Salz des
Lebens. Dogen fragte also: Wenn man sie aufgibt, wenn man sie ausrottet,
wenn man das Gute wählt und das Schlechte zurückweist, dann
macht man das genau so wie die Schüler des kleinen Fahrzeugs. Was
halten Sie davon?" Nyojo antwortete ganz kategorisch: Wen Ihr
euch nicht von den drei Giften und den fünf Wünschen befreit,
unterscheidet ihr euch nicht von den Nicht-Buddhisten, von Leuten, die
sich außerhalb des Weges befinden. Aber wenn ein Schüler Buddhas
und der Patriarchen sich auch nur von einem einzigen Hindernis, von einem
einzigen Wunsch befreit, so bringt ihm das eine große Wohltat. Dieser
Augenblick des Aufgebens ist der Augenblick, in dem er Buddha und den
Patriarchen von Angesicht zu Angesicht begegnet." Das heißt,
der Augenblick, in dem er ihnen ähnlich wird. In derselben Erfahrung
der Befreiung, des Loslassens. Das ist das Herz der Erfahrung von Zazen.
3.6.00, 16.30 Uhr
In der Fortsetzung des Nirvana-Sutra sagt Buddha: Solange
die Mönche die Wahrnehmung der Nichtanhaftung entwickeln, kennen
sie den Fortschritt und nicht den Verfall."
Wenn man von Nichtanhaftung sprechen hört, reagiert
man oft negativ. Wenn ihr z.B. eurer Verlobten sagt, dass ihr nicht an
ihr hängt, dann ist sie mit Sicherheit nicht zufrieden, denn man
verwechselt die Anhaftung mit dem Gefühl. Nichtanhaftung zu entwickeln,
bedeutet nicht, Indifferenz zu entwickeln, bedeutet nicht die Abwesenheit
von Gefühl. Wie ich gestern schon während des Mondos sagte,
bedeutet es, die egoistische Anhaftung aufzugeben, den besitzergreifenden
Geist und im Gegensatz dazu eine großzügige Liebe zu entwickeln,
eine Liebe, die den andern mit viel Wohlwollen betrachtet. Ohne Anhaftung
haben Buddha und alle Bodhisattvas ihr Wohlwollen und Mitgefühl allen
Wesen zugewandt, in unbegrenzter Weise.
Aber Nichtanhaftung betrifft nicht nur andere Menschen.
Es bedeutet auch, nicht an sich selbst zu haften, sich nicht selbst zu
bedauern, sich nicht herabgesetzt zu fühlen, wenn man kritisiert
wird, sich nicht voller Hochmut aufzublasen, wenn man ein Kompliment erhält
oder Erfolg hat. Es bedeutet auch, nicht an der Vergangenheit zu hängen.
Natürlich ist es gut, aus unserer Erfahrung zu lernen, Weisheit zu
entwickeln, ausgehend von unserer vergangenen Erfahrung. Es ist auch wichtig,
seine Irrtümer zu erkennen, sie nicht zu nähren und fortzusetzen.
Aber jede Form von Bedauern und Schuldgefühlen ist nicht nur unnütz,
sondern schadet sogar der Praxis des Weges. Die Vergangenheit ist vergangen,
man kann nicht nach hinten zurückgehen. Es ist nicht nötig,
zu bedauern. Was früher war, ist nicht jetzt. Es ist nicht nötig,
an der Vergangenheit zu hängen. Sich nur auf unsere Praxis hier und
jetzt konzentrieren, mit einem ständig neuen Geist. Es ist auch nicht
nötig, sich an die Zukunft zu hängen. Wenn eine Person ihr Leben
damit verbringt, Pläne zu schmieden, vergißt sie völlig,
hier und jetzt zu leben. Selbst wenn man ein Vorhaben hat, ist es wichtig,
wie man es Schritt für Schritt verwirklicht. Jeder Schritt, jede
Etappe ist bereits Verwirklichung. In der Zen-Praxis sind der Weg und
das Vorwärtsschreiten nicht getrennt. Wie wir voranschreiten, das
ist der Weg.
Zum Beispiel haben die vier Gelübde des Bodhisattvas
eine unbegrenzte Dimension. Wenn man sich dem verhaftet, kann man schnell
mutlos werden. Wenn man zum Beispiel das Vorhaben hat, allen Wesen zu
helfen, das Erwachen in Zazen zu erlangen, und sich ganz alleine oder
mit zwei, drei anderen Personen im Dojo befindet, kann das manchmal entmutigend
sein, einfach, weil man sich an ein Resultat klammert, ein zukünftiges
Ergebnis. Wenn man völlig auf die Praxis hier und jetzt konzentriert
ist, beeinflußt dieses Zazen, selbst wenn man nur zu zweit oder
zu dritt ist, selbst wenn man völlig allein ist, unbewußt das
ganze Universum. Bodhidharma hatte zum Beispiel nur vier Schüler,
und wir haben uns hier während dieses Frühjahrslagers versammelt,
dank dem Zazen, das Bodhidharma allein mit seinen vier Schülern in
der Höhle praktizierte. Absichtslos ist die Zazenpraxis von jedem,
jeder einzelnen mit allen Wesen verbunden, mit allen Zeiten, jenseits
aller Grenzen.
Mondo
F: Können Sie mir den Sinn eines Kito erklären,
wenn man überhaupt nicht an Esoterik glaubt?
RR: Das ist weniger eine Frage des Glaubens als der
Erfahrung. Ich glaube auch nicht so sehr an Esoterik. Anfangs habe ich
Kitos nur aus Mitgefühl für die Leute gemacht, die mich darum
gebeten haben. Leute, die um ein Kito bitten, sind verzweifelt. Ich habe
mir gesagt: "Wenn ich ein Kito mache, vermittle ich ihnen zumindest
den Eindruck, dass sie etwas getan haben in einer Situation, in der sie
nichts machen können." Aber nachdem ich angefangen hatte, Kito
zu machen, hatte das sehr oft überraschende Auswirkungen. Also mache
ich es auch weiterhin. Aber ohne wirklich zu verstehen, was da geschieht.
Das ist wirklich geheimnisvoll. Aber es gibt so viele Zeugnisse, die beweisen,
dass Kitos wirkungsvoll sind. Auch wenn sie nicht ursprünglicher
Bestandteil der Zen-Praxis sind.
Kitos begannen im Zen im 14. Jahrhundert, als die Zen-Mönche
in Shingon-Tempel eingezogen sind. Als die Shingon-Tempel ihre Schüler
verloren, standen viele Tempel leer und das Zen entwickelte sich. Oft
sind Zen-Mönche in Shingon-Tempel gezogen. Die Shingon-Tempel hatten
die Leute an Kitos gewöhnt und so haben die Zen-Mönche das auch
gemacht, um den Bedarf zu decken.
Manchmal wird das etwas übertrieben. Zum Beispiel
gibt es in Japan Tempel, die nur davon leben, dass sie Kitos durchführen.
Das sind richtige Kito-Fabriken. Sie machen täglich, zumindest aber
einmal in der Woche ein Kito. Das erlaubt ihnen den Unterhalt der Gebäude
und gibt ihnen auch zu essen: Man bringt Gaben dar für die Kitos.
Also machen sie Kitos für gute Gesundheit, aber auch für eine
gute Ernte, dafür, dass es zum richtigen Zeitpunkt regnet. Das ist
ein bißchen verrückt.
Aber wenn Leute sehr krank sind und man ihnen wirklich
helfen will und es keine anderen Mittel gibt, ist es gut, ein Kito zu
machen. Das ist wie ein Gebet. Man widmet die Energie und die Wohltaten
von Zazen der Hilfe für eine Person. Und ohne über Esoterik
zu spekulieren, glaube ich, dass es eine unsichtbare Dimension der Existenz
gibt, auf der der Geist kommuniziert. Das ist eine Wechselbeziehung auf
der energetischen Ebene, das kann man nicht mit dem Verstand analysieren.
Aber das bewirkt, dass es funktioniert. Man sollte sich aber nicht daran
klammern. Buddha dachte, dass das Haften an Ritualen ein Hindernis auf
dem Weg zum Erwachen ist. Man kann also Kitos praktizieren, aber nicht
zu oft und ohne sich an sie zu klammern. Ohne sich an ein Resultat anzuhaften,
völlig frei, weil die Leute darum bitten. Das ist alles.F: Ich möchte
wissen, ob es Buddha war, der die Kyosaku-Praxis eingeführt hat.
RR: Das weiß ich nicht. Meister Deshimaru sagte,
dass die Meister in Indien einen Bambusstab benutzt haben, um die Leute
aufzuwecken. Das sei der Vorfahre des Kyosaku gewesen. Aber den Kyosaku
in der Form, wie wir ihn heute haben, tauchte in China auf. Ich glaube,
dass eine Form von Kyosaku auch schon zu Zeiten Buddhas existierte. Denn
während der Sommerlager, die drei Monate dauerten, machten die Mönche
Zazen nachmittags und einen Großteil der Nacht. Es war zu der Zeit
warm und feucht, und mit Sicherheit sind sie in Schlaf gefallen. Und Buddha
hat bestimt ein Mittel gefunden, um die Mönche zu wecken, die schliefen.
Das muß man mal historisch untersuchen, schauen, ob man den Kyosaku
Buddhas finden kann. Warum stellst du diese Frage?
F: Weil ich finde, dass der Weg Buddhas so voller Wohlwollen
und Mitgefühl ist.
RR: Ist der Kyosaku ist ohne Wohlwollen?
F: Nicht wirklich. Nicht immer.
RR: Das heißt, dass Du nichts über den Kyosaku
weißt. Wie kannst du ein Dojo leiten und den Kyosaku geben, ohne
zu verstehen, dass der Kyosaku die Hand Buddhas ist, dass er wohlwollend
ist? Er ist das Wohlwollen selbst! Das überrascht mich.
F: Natürlich gebe ich ihn. Aber nicht mit Kraft.
RR: Gibst du ihn nicht mit Mitgefühl, mit Wohlwollen?
Wenn du ihn empfängst, hast du nicht das Gefühl, dass er mit
Wohlwollen gegeben wird?
F: Nicht immer.
RR: Auf jeden Fall muß er mit Wohlwollen gegeben
werden. Selbst, wenn er manchmal wie eine Strafe gegeben wird, also als
Rensaku - das ist eine Strafe, ganz klar: jemand irrt sich sehr und er
bekommt Rensaku -, selbst in dieser Situation ist er wohlwollend. Es geht
darum, dass die Person tief begreift, dass sie sich geirrt hat und den
Geist ändert. Meister Deshimaru ließ den Rensaku viel öfter
geben als wir das heute tun. Heutzutage ist er viel zu selten. Manchmal
gibt es ein ganzes Sommerlager ohne einen einzigen Rensaku. So wird das
Zen schwach. Ich gebe ihn selbst kaum. Der Rensaku geht verloren. Das
ist schade.
Man sollte nicht glauben, dass Wohlwollen nur Nettigkeit
ist. Manchmal muß man die Person durchschütteln und einen Schock
provozieren. Auch das ist Ausdruck von Mitgefühl und Wohlwollen.
Man sollte also nicht an bestimmten Vorstellungen haften, die man hat.
Im Abendland ist ein Stockschlag schlecht. Alle weisen das zurück:
Man soll keine Stockschläge geben. Aber im Dojo sind Kyosaku und
auch Rensaku mit dem Buddhageist gegeben ein sehr wirksames und einfaches
Mittel, um den Leuten zu helfen zu erwachen, um ihnen zu helfen, den Geist
zu wechseln. Das ist häufig viel wirksamer als ein langes Gespräch.
F: Aber die Energie schließt nicht das Wohlwollen
aus.
RR: Nein. Aber wenn Leute den Kyosaku ausgehend von
ihren eigenen Anhaftungen, von ihren eigenen Vorlieben oder Abneigungen
geben, oder je nachdem, ob sie jemanden mögen oder nicht mögen,
und die Tatsache, dass sie für den Kyosaku verantwortlich sind, benutzen,
um eine persönliche Abrechnung zu machen, ist das natürlich
dramatisch. Wenn du als Verantwortliche im Dojo den Eindruck hast, dass
so etwas abläuft, mußt du der Person, die das macht, untersagen,
den Kyosaku zu geben. Mindestens ein oder zwei Monate keinen Kyosaku geben.
Es ist nicht erlaubt, den Kyosaku mit Feindschaft, Haß und Gewalttätigkeit
zu geben, nur mit Wohlwollen.F: Du liest immer aus dem Nirvana-Sutra.
Ich weiß gar nicht ganz genau, was das Nirvana ist. Ich hab
mir immer vorgestellt, das ist der Zustand nach dem Tod. Meine Frage ist:
Was ist das Nirvana?
RR: Ich kann da nicht vollständig drauf antworten,
denn das wird das letzte Kusen morgen früh sein. (Gelächter).
Aber auf jeden Fall ist es klar, daß das Nirvana nicht auf die Zeit
nach dem Tod begrenzt ist. Das Nirvana, das Erlöschen nach dem Tod,
ist das, was man das Parinirvana nennt. Wenn ein Buddha, wie Shakyamuni,
der das lebende Nirvana erlangt hat - darüber werde ich morgen sprechen
-, stirbt, so heißt es, daß er dann das Parinirvana verwirklicht,
d.h. das völlige Erlöschen seiner Individualität. Das Nirvana-Sutra
heißt in Wirklichkeit Parinirvana-Sutra, weil es das Sutra ist,
daß die letzten Unterweisungen Buddhas vor seinem Parinirvana betrifft.
Es ist das längste aller Sutren, es hat über hundert Seiten.
In ihm gibt es einen Teil, in dem die ganzen Ereignisse vor und nach dem
Tod Buddhas erzählt werden. Deswegen nennt man es das Parinirvana-Sutra.
Fortsetzung morgen früh. (Gelächter).F: Ich habe keine Frage,
ich habe einen Wunsch. Ich wünsche mir, daß es Mönche
und Nonnen gibt, die sich bemühen, die Gebote vollkommen zu verwirklichen.
RR: Du kannst damit anfangen!
F: Es würde mir helfen, wenn es andere gäbe,
die mit mir machen.
RR: Man darf nicht auf die anderen warten. Wenn man
darauf wartet, daß die anderen gut werden, kann man die Irrtümer
nie beenden. Das ist wie die Leute, die gewalttätig sind und die
sagen: In der Welt gibt es soviel Gewalt. Wenn es keine Gewalttätigkeit
mehr gibt, kann ich aufhören, gewalttätig zu sein." Das
ist das, was man als mit den Wölfen heulen" bezeichnet:
Wenn andere aggressiv sind, muß ich auch aggressiv sein. Denn
wenn ich nicht aggressiv bin, werde ich von den anderen aufgefressen."
Wenn die anderen die Gebote nicht respektieren, wenn ich der einzige
bin, der sie respektiert, dann bin ich ein bißchen verrückt."
F: Das habe ich nicht gesagt.
RR: Nein, aber manche glauben das. Man muß selbst
anfangen, nicht warten, daß die anderen was machen. Aber es ist
wahr, daß es eine große Hilfe für jede, jeden ist, wenn
sich in der Sangha alle ernsthaft bemühen, die Gebote zu respektieren.
Das erlaubt es, eine harmonische und anregende Gemeinschaft zu sein. Es
ist wahr: In unserer Praxis bedarf es des Beispieles, um angeregt zu werden.
Empfehlungen und Erklärungen reichen nicht, sondern man muß
auch sehen, daß es verwirklicht wird. Die Sangha ist der Ort, wo
sich alle bemühen, so gut wie möglich zu praktizieren. Zazen
natürlich, aber auch die Gebote. Das schafft eine anregende Atmosphäre,
so daß man eine günstige Atmosphäre für die Praxis
hat. Eine Sangha, in der die Gebote nicht respektiert werden, verfällt
schnell. Die Leute verlieren das Vertrauen, gehen weg und wollen die Sangha
nicht unterstützen. Neben den Drei Kostbarkeiten sind die Gebote
die vierte Kostbarkeit.
Deshalb ist auch die Ordination als Bodhisattva, die
man in Japan jukai, das heißt Weitergabe der Gebote",
nennt, nicht etwas, was man nach zehn oder zwanzig Jahren Praxis empfängt.
Natürlich besser spät als überhaupt nicht, aber normalerweise
geschieht das am Anfang. Denn wenn man nicht von Beginn der Praxis an,
ab dem Zeitpunkt, zu dem man das Dojo betritt, einen Tempel betritt, nicht
den Wunsch hat, die Gebote einzuhalten, heißt das, daß man
nicht den richtigen Geist hat, um aufrichtig zu praktizieren.
O.k.? - Warte nicht, bis alle vollkommen sind!
4.6.00 7 Uhr
Fahrt damit fort, euch gut auf eure Haltung zu konzentrieren.
Streckt den Rücken, lasst ihn sich nicht nach vorne neigen, streckt
den Nacken, drückt mit der Schädeldecke in den Himmel und zieht
das Kinn zurück. Entspannt gut die Schultern, entspannt den Bauch
und lasst die Ausatmung bis zu ihrem Ende gehen. Nährt nicht eure
Gedanken.
All unsere Gedanken, all unsere mentalen Erzeugnisse
sind bedingt. In der Praxis von Zazen haftet man nicht an ihnen. Selbst
wenn man meint, sehr tiefe Ideen zu haben, lässt man sie vorüberziehen.
Im Nirvana-Sutra sagt Buddha: "Solange die Mönche die Wahrnehmung
des Aufhörens aller konditionierten Dinge entwickeln, kennen sie
Fortschritt und nicht Verfall."
Das Aufhören aller konditionierten Dinge nennt
man Nirvana. Es ist die Beendigung aller geistigen Konditionierungen,
die uns im Rad des Samsara treten lassen. Bezüglich des Nirvana sagt
Buddha: "Das ist all das zur Ruhe bringen, was konditioniert ist,
alle Beschmutzungen aufgeben, das Erlöschen des Durstes, die Loslösung."
Weiter sagt er: "Das Un-bedingte, das Absolute ist letztlich das
Auslöschen des Begehrens, des Durstes, der Gier, das Auslöschen
des Hasses, das Auslöschen der Täuschung. Unter all den Dingen,
die existieren, seien sie bedingt oder nicht bedingt, ist die Loslösung
das Allerhöchste." Das heisst, die Freiheit von Eitelkeit, das
Aufgeben der Gier.
Um die Verwirklichung des Erwachens auszudrücken,
sprach Buddha im allgemeinen in negativen Begriffen. Er sprach davon als
Befreiung, als Befreiung von allen Leidensursachen. Im Zen würde
man sagen, Befreiung von dem, was unsere wirkliche Natur verdunkelt. Das
bedeutet aber nicht, dass Nirvana oder Erwachen etwas Negatives sind.
Die Befreiung von dem, was Leiden auslöst, ist sehr positiv. Wie
die Befreiung von einer Krankheit, welche die Gesundheit ermöglicht,
sehr positiv ist.
Meister Eckhardt brachte dasselbe zum Ausdruck, wenn
er die Loslösung höher stellte als die Liebe. Er sagte: "Ein
losgelöster Geist steht Gott am nächsten." Meister Sosan
sagt zu Beginn des Shin Jin Mei: "Den Weg zu durchdringen ist nicht
schwierig, man muss nur frei sein von Liebe - im Sinne von Gier - und
Hass, weder Zuneigung noch Abneigung hegen." Meister Sosan sagt:
"Der wirkliche Zustand des Zazen-Geistes ist das Nirvana." Das
ist die dritte edle Wahrheit Buddhas. Das ist nicht für die Zeit
nach dem Tod reserviert, es ist der Sinn der Zazen-Praxis.
Manchmal sprach Buddha vom Nirvana, indem er sagte:
"Es ist das Nicht-Geborene." Er sagte: "Es gibt das Nicht-Geborene,
das Nicht-Gewordene, das Nicht-Bedingte, das Nicht-Zusammengesetzte."
Wenn es das nicht gäbe, dieses Nicht-Geborene, Nicht-Zusammengesetzte,
dieses Nicht-Bedingte, dann gäbe es keine Möglichkeit, sich
von dem zu befreien, was geboren, zusammengesetzt, bedingt ist. Also existiert
diese Möglichkeit.
Offensichtlich ist aber der wichtigste Punkt, wie man
das verwirklicht, denn es macht keinen Sinn, über das Nirvana, über
das Nicht-Geborene zu spekulieren. Wie hier und jetzt das Erlöschen
unserer Täuschungen verwirklichen? Wie sich nicht an sie klammern?
Einfach, indem man sich auf Haltung und Atmung konzentriert. Indem man
keine gedanklichen Gebilde nährt, keinen besonderen Geisteszustand
sucht.
Bezüglich der Praxis der Meditation sagte Buddha
zusammengefasst folgendes: "Selbst wenn man einen Zustand reiner
Gleichmutes erlangt, selbst wenn man den Zustand des Samadhis des unbegrenzten
Bewusstseins erlangt, das Samadhi, in dem es weder Wahrnehmung noch Nicht-Wahrnehmung
gibt, handelt es sich hierbei immer noch um geistige Schöpfungen.
Also haftet man nicht daran. Selbst die subtilsten Meditationszustände
sind noch bedingt." Was wir also tun müssen, ist, alle Zustände,
alle Bedingungen durchschreiten, begleitet von der Atmung und der Konzentration
auf die Haltung. Und den Geist auf nichts verweilen lassen. Immer über
jede geistige Fixierung hinausgehen.
Das bedeutet selbstverständlich auch, die Täuschungen
nicht zu verachten, sie nicht zu hassen, und sich nicht an das Nirvana
zu klammern. Dogen sagt im Shoji: "Ihr erlangt den Buddhageist nur,
wenn ihr Leben und Tod - das Samsara - nicht hasst und das Nirvana nicht
herbeisehnt. Bemüht euch nicht, dies mit eurem Geist zu messen. Wenn
ihr euren Körper und Geist vergesst, tretet ihr in das Haus Buddhas
ein. Wenn es Buddha ist, der euch leitet - das heisst, das Zazen Buddhas
- , und ihr ihm folgt, werdet ihr, ohne zu denken und ohne Bemühungen,
befreit von Leben und Tod, Buddha. In diesem Augenblick gibt es im Geist
kein Hindernis mehr."
4.6.00, 11 Uhr
Während des Sesshins haben wir gemeinsam die letzten
Empfehlungen Buddhas an seine Schüler gehört, seine letzten
Unterweisungen.
Abschließend fügt er noch hinzu: Ich
unterweise euch noch sechs weitere Bedingungen des Nicht-Verfalls: Solange
die Mönche sowohl öffentlich als auch privat wohlwollende Handlungen
mit dem Körper gegenüber ihren Mitschülern praktizieren,
kennen sie den Fortschritt und nicht den Verfall. Solange die Mönche
wohlwollende Sprechhandlungen gegenüber ihren Mitschülern praktizieren,
kennen sie den Fortschritt und nicht den Verfall. Solange die Mönche
im Geist wohlwollende Handlungen gegenüber ihren Mitschülern
vollbringen, kennen sie den Fortschritt und nicht den Verfall."
Manchmal sind in unserer Sangha die Verhaltensweisen
untereinander ein bißchen brutal. Es ist wichtig, sich diese Unterweisung
Buddhas ins Gedächtnis zu rufen. Er empfiehlt das Wohlwollen in allen
Beziehungen zwischen den Schülern. So fährt die Sangha fort,
wirklich eine Kostbarkeit zu sein, eine Gemeinschaft, die die Entwicklung
der Praxis jedes und jeder einzelnen stimuliert.
Dann empfiehlt der Buddha, gleichmäßig alle
Fuse zu teilen. Anschließend, nicht gegen die edlen Tugenden zu
verstoßen, d.h. die Gebote zu respektieren, die Tugenden zu respektieren,
die erforderlich sind, um die Freiheit und die Konzentration des Geistes
zu verwirklichen. Buddha schließt, indem er sagt: Solange
die Mönche zusammen mit ihren Mitschülern sind und mit der rechten
Sicht zusammenleben, die zur Beendigung des Leidens führt, kennen
sie den Fortschritt und nicht den Verfall." Meister Deshimaru faßte
das zusammen, indem er sagte: Macht Zazen gemeinsam weiter, in alle
Ewigkeit."
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